Funkelnder Theatermoment: „All das Schöne“ vom Metropoltheater in Landsberg

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Kein Bühnenbild, nur Jeans und Pulli: Philipp Moschitz brilliert im Foyer des Stadttheater mit Macmillans „All das Schöne“ in der Regie von Jochen Schölch. © Greiner

Theater kann verzaubern. Theater kann glücklich machen. Theater kann ins Herz treffen. Den Beweis dafür tritt Philipp Moschitz vom Metropoltheater mit „All das Schöne“ von Duncan Macmillan an. Ein kluges, wortgewaltiges Stück, das durch Jochen Schölchs Regie und Moschitz‘ Spiel zum funkelnden Moment wird.

Landsberg – Es ist ein Abend, an dem das Publikum mit Glückssummen im Bauch nach Hause geht. Und das trotz heftiger Themen. Macmillans „All das Schöne“ dreht sich um Suizid, um Depression, um das Verlassen-Werden und das Verzweifeln. Aber dem steht eine Liste entgegen: die Liste über „all das Schöne“, die der Protagonist in Macmillans Monolog im Alter von sieben Jahren anfängt zu schreiben – als seine Mutter zum ersten Mal versucht, sich umzubringen. 1: Eiscreme. 2: Wasserschlachten. Achterbahn, die Farbe Orange, Leute, die stolpern.

Metropoltheater mit „All das Schöne“ in Landsberg: ein gelungener Balanceakt

Es geht um die Unfähigkeit des Vaters, mit dem Kind über den Suizidversuch der Mutter zu sprechen, um das Alleinlassen des Kindes mit diesem Versuch, um die Folgen, die das haben wird. Zehn Jahre weiter, der zweite Suizidversuch. Es geht um die Schuld, die der jetzt 17-Jährige sich selbst gibt. Und um den zum Scheitern verurteilten Versuch, der Mutter „All das Schöne“ zu zeigen.

319: So heftig lachen, dass dir die Milch aus der Nase schießt. 999: Sonnenschein. Es geht um die große Liebe, es geht um Glück. 1003: Jede Minute am Tag an jemanden denken. Es geht um Heirat, um Sonnenschein, um Zweisamkeit mit Hund in Haidhausen. Nochmal zehn Jahre später geht es um Alltag, Stress, Streit ums Geld, Trennung. Und um den letzten Suizidversuch der Mutter. Der, der Erfolg hat.

Das Münchner Metropoltheater überzeugte in Landsberg auch mit Macmillans „Atmen“

Macmillan hat ein Stück geschrieben, das die Balance zwischen Situationskomik/Humor/Lachen und Trauer/Melancholie/Ernst mit Leichtigkeit hält – in Schölchs Regie ohne Bühnenbild, ohne Kostüm. Ein Stück, das in prägnanter Sprache und genialer Form – eine Liste, die ein Leben erzählt – aus Worten Leben macht. Dazu kommt ein ungewöhnliches Setting: Der Monolog wird mit Mitspielern angereichert – aus dem Publikum. Dafür verteilt Moschitz schon vor Stückbeginn Karten im Publikum: „Hallo, ich bin Philipp Moschitz und spiele diesen Abend mit Ihnen zusammen.“ Auf den Karten: einzelne Listeneinträge. Wenn Moschitz die betreffende Listennummer aufruft, liest der jeweilige Kartenbesitzer seinen Punkt laut vor. Ein Extra ist die Karte 86.899, die gleich mehrfach ausgegeben wird. Deren Textinhalt: „Landsberg“ – das somit chorisch zu einem Teil von all dem Schönen in der Welt wird.

„All das Schöne“ vom Metropoltheater München: Abrissbirne für die vierte Wand

Ist die vierte Wand hier schon transparent, bröckelt sie massiv, wenn Moschitz bei „1.009: öffentlich tanzen“ das ganze Auditorium dazu bringt, die Glieder zu „Move on up“ zu schütteln. Und sie bricht zusammen, wenn Moschitz die Frau in Reihe vier zur Schulpsychologin deklariert, der Herr in Reihe sieben zum Vater wird und der Mann in Reihe elf zu Uli, der großen Liebe. Dass zumindest an diesem Abend jeder mitspielt und seine Rolle mit Grandezza ausübt – samt Kuss –, liegt auch an Moschitz Art: Es geht nicht darum, jemanden vorzuführen. (Und es ist tatsächlich reiner Zufall, dass die Laienmimin der Schulpsychologin tatsächlich Kinder- und Jugendpsychologin ist).

Dass der Abend so ergreifend, so glücksdurchströmend, so Zeit-vergessen-machend ist und so tief in dieses Stück eintauchen lässt, liegt an Jochen Schölchs perfekter Inszenierung. An gut gewählten und hervorragend umgesetzten Songs. Vor allem aber an Moschitz‘ grandiosem Spiel. Er wird in jeder Faser zu Macmillans Protagonist, stülpt sich dessen Identität über, taucht ein in diese Person. Und nur deshalb kann der Abend dieses Glückssummen im Bauch erzeugen.

Das Metropoltheater war mit „Slippery Slope im Stadttheater zu Besuch

Der Eintrag in der All-das-Schöne-Liste für 1.000.000 ist optimistisch – zusätzlich zu der Tatsache, dass es eine Million schöner Dinge in dieser Welt gibt. Der eintrag: „Eine Platte zum ersten Mal hören und die Infos auf dem Plattencover lesen.“ Die Autorin möchte die Liste gerne weiterschreiben. Mit dem Punkt 1.000.001: den Abend „All das Schöne“ mit Philipp Moschitz sehen.

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