Der Kabarettist Christian Springer gibt in Dorfen eine Vorpremiere seines neuen Programms „leider. Witz und ernste Töne wechseln sich ab.
Heiter bis wolkig – so ist ein Kabarettabend mit Christian Springer. Er versteht es, den Irrwitz der Politik und des Lebens in immer absurdere Höhen zu schrauben. Das ist bissig-lustige Satire, die neben ernsten Appellen für Menschlichkeit steht. Die rund 70 Zuhörer im Jakobmayer-Saal in Dorfen dankten es dem Kabarettisten am Samstag mit Szenenapplaus, lautem Auflachen und manchmal auch betroffenem Schweigen.
Der Gastgeber des „Schlachthof“ im BR-Fernsehen gab eine Vorpremiere seines neuen Programms „Leider“. Deswegen habe er auch einen Zettel mit auf die Bühne genommen, sagte er zu Beginn. Doch ein derart kreativer, bisweilen anrührender und oft hyperaktiv vorgetragener Bewusstseinsstrom passt unmöglich auf ein so kleines Stück Papier. Er schaut ja auch gar nicht drauf.
„Sie arbeiten an dem Programm mit“
Die „echte Premiere“ sei am 24. Oktober in München. „Da hat man dann Angst davor“, sagte der Bühnenprofi, wohl nur halb im Scherz. Familie und Kollegen säßen dann nämlich in den ersten Reihen. „Die lachen ned.“ Entsprechend habe das Dorfener Publikum „eine Riesenverantwortung: Sie arbeiten an dem Programm mit heute Abend“.
Kabarettisten und Comedians testen bei solchen Vorpremieren aus, welche Nummer zündet, welcher Gag noch geschliffen werden muss. Deswegen sind sie oft auch nicht begeistert, wenn Presse im Publikum sitzt. Man solle doch bitteschön nichts von den Inhalten zitieren, heißt es dann. Anders Springer, er sagt kurz vor der Vorstellung zum Reporter einfach nur „Servus“.
Bei einer Vorpremiere gehe es auch ein Stück weit ums Experimentieren. „Das ist die Crux und die Chance“, sagt der 59-Jährige nach zweieinhalb Stunden Bühnenprogramm und ein paar Gesprächen mit Zuhörern am Saal-Ausgang.
Springer polarisiert. Das machte Zuhörerin Hilde Wunderlich nach der Vorstellung deutlich. „Er spricht mir ja aus der Seele. Es ist aber eingetroffen, was ich befürchtet hatte: Dass es teilweise nicht lustig ist“, sagt die Emlingerin. Redet man den Kabarettisten darauf an, macht er deutlich: Das ist kein Versehen.
„Bei mir hört Kabarett nicht auf, wenn ich von der Bühne runtergehe.“ Ebensowenig lege er sein Menschsein ab, wenn er vor Publikum tritt. Und auch nicht seine Erfahrungen in einer immer gereizteren politischen Stimmung. Das sei eben nicht immer zum Lachen.
Momentan sei die ganze rechte Seite seines Auto demoliert, erzählt er. Zerkratzt bei einer politischen Veranstaltung in Unterföhring, bei der er gesprochen hatte. Das und Bedrohungen, die ihn teilweise per E-Mail erreichen, habe er gar nicht erst vors Publikum tragen wollen.
Meine news
Die Reisekosten eines ISS-Astronauten
Das war auch gar nicht nötig. Nachdenklich wurde es auch so. Zum Beispiel, als er auf das gelbe Schleifchen am Revers seines blauen Jacketts deutete. Ein Zeichen der Solidarität mit den immer noch 100 israelischen Geiseln der Hamas im Gaza-Streifen. Das sei an diesem Samstag, dem höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, umso bedeutender.
In der Debatte über die Verhältnismäßigkeit israelischer Militärschläge werde oft die Verantwortung der Hamas-Terroristen übersehen, meinte der Gründer des Orienthelfer e.V. Gleichzeitig helfe sein Verein ebenso libanesischen Opfern der Gewalt, auch wenn sie der Hisbollah nahestehen. „Wir sind so. Wir haben Werte“, erklärte Springer über diese Hilfsbereitschaft für jeden Menschen.
Ohne Pointen ging das Publikum aber nicht nach Hause. Lacher gab es genug: über Markus Söders Sangeskünste und politische Biegsamkeit, über die Reisekostenabrechnung eines deutschen ISS-Astronauten, über Springers gemeinsame Parteikarriere mit Sahra Wagenknecht, wenn auch nur für ein paar Monate, über das Leiden des fahrenden Bühnenkünstlers mit den maroden Brücken und Straßen.
Wer aus dem Vorpremieren-Publikum seine Verantwortung ganz ernst nimmt, kann am 24. Oktober noch einmal zusehen. Er müsse an der einen oder anderen Stelle noch kürzen. „Dann kann ich auch meine VW-Nummer. Ich bin ja lange selbst VW gefahren...“ Mehr dazu im Lustspielhaus in München.