Mit einem öffentlichen Fest auf dem Marktplatz gedachte die Stadt Memmingen den Menschen und ihren Lebensbedingungen zur Zeit der Bauernkriege.
Memmingen – Das Landesmuseum Württemberg konzipierte dafür eigens eine „Roadshow“ mit Theater, Musik, Spielen und Mitmachaktionen. Memmingen war neben Rothenburg ob der Tauber einer der beiden Aufführungsorte in Bayern, die restlichen zehn Spielorte liegen in historischen Städten Baden-Württembergs.
Die Gestaltung des Marktplatzes mit vielen historischen Ständen, die zum Spielen, Nachdenken, Diskutieren und Rätseln einluden, war an der historischen Lage der Menschen orientiert: Auf der einen Seite die Reichen, Mächtigen und Wohlhabenden und auf der anderen Seite die Armen, Tagelöhner, Handwerker und Bauern.
Durch Bänder waren diese getrennten Welten voneinander abgeschieden und symbolisierten die damalige Unmöglichkeit, durch Arbeit der Armut zu entrinnen und auf die Seite der Hochwohlgeborenen zu wechseln. Beim Rundgang entlang der Stände konnte zudem ein Kartenspiel gewonnen werden: Ein Quartett mit den historischen Portraits der historisch verbrieften Akteure in den Bauernkriegen.
Der gesamte Marktplatz sollte damit die nicht eben gemütliche oder idyllische Lebenswelt der Menschen damals verdeutlichen. Jan Warnecke, Leiter der Ausstellungsabteilung des Landesmuseums Württemberg, hatte die Konzeptidee und betonte bereits bei seiner Begrüßung, dass hiermit „dem ersten Massenaufstand auf deutschem Boden gedacht“ wird.
Die Menschen, die von ihrer Arbeit lebten, waren weitgehend von Wohlstand und Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen. Sie waren Opfer von Ungerechtigkeit und Willkür von Adel und Kirche. In dem Theaterstück finden sich daher auch die Protagonisten der Narr, die Bockige, der Pflüger, der Geächtete oder auch die „Anne von Hochgeboren“; sie alle verkörperten die Akteure und Opfer der damaligen Verhältnisse. Auf der einen Seite die wütenden, aber machtlosen, ums Überleben Kämpfenden und auf der anderen Seite, die stärkeren, machtvollen Eliten aus Adel und Klerus, die in den von den Bauern geforderten Verhandlungen keinen Zentimeter ihrer Macht abgeben wollten.
Mit scharfer Zunge und deutlichen Worten wurden die Brutalität des Adels und die Heuchelei des Klerus bedacht. Die Brücke in die heutige gesellschaftliche Situation wurde sehr gezielt geschlagen: Diejenigen, die die Steuern und Abgaben zahlen müssen, sollen auch noch die laufenden Kriege und das Wohlergehen der Eliten finanzieren.
Ausstellungsleiter Jan Warnecke betonte im Gespräch mit dem Memminger KURIER, dass es um die Modernität des damaligen Konflikts gehe. Ob es um die gesellschaftliche Teilhabe der arbeitenden Menschen oder das Recht auf ein erfülltes Leben geht: Damals wie heute gelte es die Freiheit und das Menschenrecht zu erkämpfen.
Die Willkür und das keineswegs gottgewollte Recht des Stärkeren zeigten sich sowohl in den aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten und in Europa genauso wie die innere Strukturiertheit in den westlichen Gesellschaften, die immer mehr Menschen ausschließe.
Die Roadshow präsentierte zudem vor und nach dem Theaterstück die passende musikalische Umrahmung auf zwei Bühnen. Vor dem Theater stimmten die Gruppen „Kähl“ mit Balladen und Folk-Musik sowie die „Beinhausmusik“ aus Sonthofen mit historischer „Sackpfeifenmusik und Schreyerey“ auf die Bauernkriegsjahre ein.
Mit „Rootsman Fyah“ aus dem Oberallgäu wurde der immer noch volle Marktplatz wieder in die Gegenwart geholt. Von Reggae über Jazz, Funk, HipHop und Rock bis zu melodiösen Balladen begeisterten die zehn Männer auf der Bühne Jung und Alt - ohne die immer noch gültigen Notwendigkeiten des Kampfes um Freiheit zu vergessen.
Das Event- und Gedenkjahr „500 Jahre Zwölf Artikel“ verzeichnet mit dem „UFFRUR“– Tag einen weiteren großen Höhepunkt.
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