In Deutschland gibt es rund 3,5 Millionen Menschen, die auf Äpfel allergisch reagieren. Doch Forschenden, unter anderem vom TUM-Campus Weihenstephan, ist jetzt ein großer Wurf gelungen.
Freising – Es ist ein wegweisendes Ergebnis, das Wilfried Schwab, Professor der Biotechnologie der Naturstoffe der TUM Weihenstephan, zusammen mit einem Forscherteam aus Berlin und Osnabrück erreicht hat: die Züchtung allergikerverträglicher Äpfel. Er stellte die jahrelange Suche nach den neuen Sorten „ZIN 168“ und „ZIN 186“ in der Vortragsreihe TUM@Freising im Oberhaus des Lindenkellers vor.
Bratäpfel sind kein Problem
Über 700 Apfelsorten aus dem Züchtungsprogramm der Züchtungsinitiative Niederelbe (ZIN) wurden untersucht – und das über viele Jahre und unter anderem auch durch Wissenschaftler der TUM School of Life Sciences. Was zuvor bekannt war: Verschiedene Sorten weisen ein völlig unterschiedliches Allergenpotenzial auf. Dafür verantwortlich zeigt sich in Mitteleuropa vor allem das Protein Mal d 1, das unter anderem die Resistenz des Apfels steigert – aber eben auch für allerlei störende Symptome beim Apfelliebhaber sorgt. Das Besondere: Dieses Allergen ähnelt sehr dem sogenannten Bet v 1 in Birkenpollen, was laut Schwab vor allem bei Birkenpollenallergikern zu unangenehmen Nebenwirkungen via Kreuzreaktion beim Verzehr von Äpfeln führen kann, wie etwa Juckreiz oder Schwellung der Schleimhäute. Das Positive: Dieses Protein ist nicht hitzebeständig, weshalb Bratäpfel ohne Probleme von Allergikern verzehrt werden können. In Spanien und anderen Ländern hingegen gibt es kaum Birken und somit wenig Birkenpollen, dafür allerdings eine hohe Dichte an Gräser-Allergikern, die dann wiederum auf das Mal d 3-Protein im Apfel reagieren. Dieses Allergen ist zwar hitzebeständig, dafür aber nur in der Schale zu finden. „Es macht also einen Riesenunterschied, wo sie als Apfelallergiker wohnen“, erklärte Schwab.
Nicht jeder Allergiker reagiert auf die gleichen Sorten
Über die Jahre hinweg haben Schwab und sein Team rund 500 Äpfel geprüft, gemörsert und auf die Konzentration des Mal d 1-Proteins getestet. Die Äpfel mit einer geringen Menge des Allergens wurden von Freising in die Charité Berlin geschickt, um dort Humantests an 13 Personen zu starten. Was dabei auch klar wurde: Nicht jeder Allergiker reagiert auf die gleichen Sorten, die Unterschiede sind hier oft groß.
Dennoch ist es den Wissenschaftlern gelungen, zwei Sorten, die bis heute noch keinen Namen haben, zu finden, die kaum allergische Reaktionen auslösen. Das Problem: Das Protein kann nicht gänzlich herausgekreuzt werden, weil es für die Resistenz des Apfels dringend notwendig ist. Zudem ist sich Schwab sicher: „Neben dem Mal d 1 muss es noch andere Faktoren geben, die eine Allergie auslösen können.“ Dennoch ist dieser Forschungs-Schritt ein gewaltiger und ermöglicht vielen Allergikern den ersten Apfelgenuss in ihrem Leben – ohne Nebenwirkungen. Doch wie werden sie aussehen und schmecken? Die Äpfel der ZIN-Sorte 168 sind mittelgroß bis groß mit einem festen und knackigen Fruchtfleisch – und sind süß und saftig. Die Früchte der ZIN 186 sind überwiegend groß, fest, knackig und saftig, mit überwiegend süßlicher Note. Dieses Jahr können von beiden Sorten laut Schwab wohl rund 400 Tonnen geerntet werden, was sich aber im kommenden Jahr deutlich steigern werde.
Gut Ding will Weile haben
Die Überraschung: In den Supermärken sollen die neuen Äpfel bereits ab Herbst liegen. „Ich bin genauso gespannt wie Sie“, gab Schwab zu. Er mahnte auch zur Geduld, bis die Sorten in großer Masse vorhanden sein werden: „Es braucht einfach Zeit, bis genügend Apfelbäume gepflanzt sind.“