Alles harmlos gegen die SPD-Rhetorik der letzten Tage: „Bösartigkeit als Methode: Ich bin tief erschüttert über dieses Verhalten der FDP“, leidet Arbeitsminister Hubertus Heil auf X. Gesundheitsminister Karl Lauterbach verspürt „unfassbare Enttäuschung“. Und für den Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich ist Christian Lindner gar ein „ehrloser“ Mensch.
Man könnte meinen, der FDP-Chef habe Panzer-Konstruktionspläne nach Moskau verkauft und danach den Weinkeller des Willy-Brandt-Hauses leergesoffen. Mindestens.
Ein ganz bisschen undramatischer war es dann doch: Der FDP-Spitze, so berichten „Zeit“ und „Süddeutsche“, ist nicht erst Anfang November in den Sinn gekommen, Dynamik in den Stillstand der Fortschrittskoalition zu bringen – mit einkalkuliertem Ende. Sondern – halten Sie sich bitte fest – es wurde schon seit dem Spätsommer im kleinen Kreis diskutiert, rumgesponnen, geplant.
Olaf Scholz, der wiederum seit August über einen Rauswurf Lindners nachdachte, hatte eigene Pläne, setzte dem Finanzminister die Pistole auf die Brust und hätte drei völlig unterschiedliche Reden vom Teleprompter ablesen können. Er entschied sich für die schauspielerisch anspruchsvollste, die Empörungs-Variante.
Im Ergebnis wurde einer Ampel der Stecker gezogen, bei der Rot, Gelb und Grün zuletzt ständig gleichzeitig aufleuchteten. Nun das „Wie“ dieses überfälligen Endes zu skandalisieren, ist verlogen. Doch im Wahlkampf überrascht es nicht, dass die SPD auf Frontalattacke gegen den Ex-Partner umschaltet. Schon eher, dass es auch die Union tut.
Mein Kollege Felix Heck hat für den kommenden FOCUS in CDU-Kreisen recherchiert – und stieß auf Kritik: „Die Inszenierung des Ampel-Aus lässt Zweifel an der Ernsthaftigkeit des FDP-Politikansatzes aufkommen“, sagt zum Beispiel Unions-Fraktionsvize Steffen Bilger. Auch Bundesvorstandsmitglied Monica Wüllner wird deutlich: „Die Medienberichte zeigen, dass Christian Lindner sich seine Wahrheit gerne so zurechtbiegt, wie er sie gerade braucht.“
Schwarz-gelbe Romantik klingt anders
Schwarz-gelbe Romantik klingt anders. Klar, die Union hat nichts zu verschenken, wie noch 1983, als sie die FDP mit einer Leihstimmenkampagne rettete.
Doch ob sie den akut vom Ausscheiden bedrohten Liberalen, mit der es so viele bürgerliche Schnittmengen gibt, schaden sollte? Das ist mehr als eine Frage der Umgangsformen. Oder, wie es die FDP-Legende Otto Graf Lambsdorff einmal sagte: „Nach meiner Überzeugung wirken wir alle am besten, wenn wir arbeiten, nicht wenn wir reden.“
Was halten Sie von der aktuellen politischen Rhetorik?