Buchbinden und Buchrestauration in Landsberg: Kat Rücker-Weininger rückt Worte ins richtige Umfeld

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Kat Rücker-Weininger in der ArtGallery: Die Illustratorin ist auch gelernte Buchbinderin. Vor ihr steht „Der kleine Hobbit“ mit dem Drachenauge auf dem Einband. © Greiner

Die ArtGallery im Hinteren Anger schließt Ende September. Was nicht heißt, dass sich deren Betreiberin zur Ruhe setzt. Denn Kat Rücker-Wei­ninger kümmert sich nicht nur als Illustratorin ums Innere Bild der Bücher: Als Buchbinderin und Buchrestauratorin sorgt sie auch für Schönheit rund ums Geschriebene.

Landsberg – „In Nordrhein-Westfalen hat gerade der letzte Buchbinder im Handwerk aufgehört.“ Kat Rückert-Weininger weiß, dass sie mit ihrem Beruf zu einer der letzten ihrer Art in Deutschland gehört – auch wenn es in Bayern noch einige gibt, „im Landkreis sogar gleich um die Ecke in Issing, die exzellente Buchbinderei Sabine Moosmüller“. Das Problem: Ein Buch von Hand binden zu lassen, kostet Geld, manchmal gar nicht so wenig. Wer also ein Buch zum Reparieren, Restaurieren oder zum Neu-Binden bringt, muss das Medium Buch wertschätzen. „Und diese Wertschätzung ist in anderen Ländern weitaus größer“, weiß Rücker-Weininger. „In England gibt es gefühlt an jeder Ecke einen Buchbinder.“

Kat Rücker-Weininger ist Buchbinderin und -restauratorin: In England vom Besten gelernt

England deshalb, weil Bücherliebhaberin Rücker-Weininger nach ihrer Handwerkslehre in Schöffelding den Beruf vertiefen will – und für ein Jahr über den Kanal ins Königreich übersiedelt. „Ich konnte in der Werkstatt von Carla Dutta arbeiten, wo ich auch Arthur Johnson assistieren durfte.“ Rücker-Weiningers Augen leuchten, wenn sie den Namen des renommierten Buchbinders nennt. Zur Arbeit in der Werkstatt kommen Kurse wie Kalligrafie. „Und als ich nach Deutschland zurückkam, war das für mich wie ein Kulturschock.“ Weil ihr die Wertschätzung für das Buch fehlt. Und auch, weil es nahezu keine Arbeitsplätze in handwerklichen Buchbindereien gibt.

Die Buchbinderin

Weshalb die Buchbinderin Grafikdesign studiert und anschließend in die Werbung geht, für acht äußerst erfolgreiche Jahre mit großen Marken. „Und dann wurde ich schwanger. Das hat alles geändert.“ Ab da startet Rücker-Weininger mit Buchillustrationen: Ein Schweizer Verlag bietet ihr an, ein Buch zu illustrieren – und es auch gleich selbst zu schreiben. Das ist der Start für die Arbeit, die die Fuchstalerin heute noch erfolgreich ausübt. „Aber ich habe meine Liebe zum Handwerk, zum Buchbinden nie verloren.“ Und so kommt es vor gut vier Jahren dazu, dass Rücker-Weininger für einen Antiquar ein Exemplar restauriert – ihre erste erfolgreiche Auftragsarbeit als selbstständige Buchbinderin und Buchrestauratorin.

Rückert-Weininger gestaltet Bücher aber auch, im Englischen wäre sie ein Designer-Bookbinder. Vor ihr liegt beispielsweise ein Bücher, das ihr als Kind gehört hat: eine Taschenbuchausgabe von „Der kleine Hobbit“ von 1974. „Der Wert des Buches ist für mich unermesslich, für andere gleich Null.“ Nachdem auch ihre Tochter das Exemplar verschlungen hatte, war von der Bindung nicht mehr viel übrig. Jetzt ist es ein Kunstwerk: Die Buchdeckel, bezogen mit Papier im Krokodesign für Smaugs Drachenhaut, zieren funkelnde Steine: „Als Symbol für Smaugs Schatz“, sagt die Tolkien-Leserin. Das zentrale Element ist das Drachenauge: eine Reliefskulptur aus Keramik mit selbstbemaltem Glaskörper. Als Schutz und Schmuck hat Rückert-Weininger einen Schuber aus Karton, bezogen mit florentinischem Buntpapier und ausgekleidet mit Büttenpapier und Leinen, hergestellt. Nicht nur Smaug hätte daran seine helle Freude.

Shakespeares „The Tempest hat die Handwerkerin als Miniaturausgabe aus von 1902 aus London mitgebracht und, neu gebunden als Prosperos Zauberbuch, hinter einem Türchen in dessen Höhle aus Karton eingebaut. Ihre Kunstfertigkeit lebt Rücker-Weininger aber auch auf ‚normalen‘ Bucheinbänden aus: Intarsien aus Leder schmücken Ecken und Rücken, die Prägung eines Papageien ziert den Ganzledereinband von La Fontaines Fabeln – Rücker-Weiningers Gesellenstück –, es gibt Farb- und Goldschnitte mit Punzierungen, selbstgestochene Kapitale. Und auch die Buchform variiert. Die Künstlerin zeigt einen Pergamentband, der nur ‚genäht‘ wird und ganz ohne Leim auskommt. Oder auch ein Partnertagebuch, bei dem sich zwei Bücher den Deckel in der Mitte teilen. Es muss aber nicht so kompliziert sein: Wer mit einfachen Mitteln sein lieb gewonnenes Taschenbuch reparieren will, bekommt Tipps dazu in Rücker-Weiningers neuem Buch „Bücher restaurieren“.

Die Restauratorin

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt – wenn man sie handwerklich umsetzen kann. Etwas strenger geht es bei der Restaurierung zu: „In England verfolgt man eher das Prinzip der Wiederherstellung. Hier will man meistens den Ist-Zustand erhalten, aber immer so, dass genau zu sehen ist, was wie restauriert wurde. Beides hat seine Berechtigung.“

Rückert-Weininger hat zum Beispiel eine Handschrift aus der Renaissance, einen Ganzlederband, bis ins Detail erhaltend restauriert. „Das war praktisch schon mehr als verfallen.“ Zum Start nimmt Rücker-Weininger alles auseinander – die Seiten, die Holzdeckel, das Leder auf den Holzdeckeln – und reinigt es. Die Seiten-Bögen werden mit Japanpapier und Leim repariert und dann neu auf Bünde geheftet. Das alte, abgelöste Leder wird gesäubert und dort, wo Lücken sind, mit neuem Leder unterlegt. Und dann geht es noch den Holzwurmlöchern – der Wurm ist inzwischen nicht mehr aktiv – im Deckel mit einem selbstgemischten Spezialkitt aus Naturmaterialien an den Kragen. „In England hätte man wohl neue Deckel genommen. Aber hier in Deutschland will man die Löcher weiterhin sehen.“

Das ist Fitzelarbeit. Das braucht eine Menge Geduld. Unglaublich viel Präzision. Und auch Toleranz, wenn ein Buch mit Uhu oder Pattex ‚notverarztet‘ wurde. „Ich bin eine Überperfektionistin und habe extrem hohe Ansprüche an mich selbst“, sagt die Buchbinderin. „Und am Ende denke ich immer: ‚Es geht noch besser‘“. Ja, das sei viel Arbeit. Und weil die Fuchstalerin bis zur Perfektion geht, kann sie auch nicht aufhören – weshalb einige der vielen Arbeit auch nicht mehr durch den vereinbarten Preis abgedeckt wird. „Aber es ist so eine unglaubliche Befriedigung, wenn alles gefasst ist, wenn alles wieder verbunden ist. Und das ist einfach unglaublich schön!“

Ausführliche Informationen zu Kat Rücker-Weiningers Buch-Restaurierungen gibt es hier.

Das Buchbinderhandwerk

Der erste literarische Nachweis einer Klosterbuchbinderei stammt von 540. Und der erste bekannte Buchbinder, der irische Mönch Dagonus stirbt 587 – und ist damit der erste schriftliche Beleg für diesen Beruf. Die Voraussetzung für das Buchbinderhandwerk schaffte 1440 Johannes Gutenberg mit dem modernen Buchdruck. Zuvor waren Handschriften so kostbar, dass sie eher Vermögenswerte der Adligen waren. Die ersten Handschriften wurden vor allem in Klöstern verfasst und von den Mönchen in reich verzierten Einbänden gebunden. Auch an Universitäten gab es vereinzelte frühe Buchbinder. Mit dem Buchdruck verlagerte sich der Wert des Buches von außen nach innen auf das geschriebene Wort. Durch reformatorische und humanistische Strömungen wurden Bücher und damit auch die Buchbinderei wichtiger und damit auch weltlicher. Erste Zünfte bildeten sich – samt Rechten und Pflichten. Mit der Industrialisierung wandelte sich auch der Beruf des Buchbinders. In Deutschland gilt die 1852 gegründete Leipziger Großbuchbinderei J. R. Herzog als Vorreiter der industriellen Buchbinderei.

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