Das imponiert vielen Deutschen: Da verzichtet ein Top-Manager auf ca. 90% seines Gehaltes, um Deutschland aus dem digitalen Dornröschenschlaf zu erwecken: Carsten Wildberger, der neue Bundesminister für Digitalisierung und Staatsmodernisierung, will unseren Nachholbedarf in digitaler Transformation möglichst kurzfristig aufholen – und uns global wieder wettbewerbsfähig machen. Aktuell zudem mit dem Aufbau des milliardenteuren Innovations-zentrums für Künstliche Intelligenz in Heilbronn. Doch Wildberger läuft Gefahr, die Rechnung ohne den Bürger zu machen.
Denn ohne die Voraussetzung, dass Nutzung zuerst einmal Kenntnis voraussetzt, klafft da der Krater der Ahnungslosen: Mehr als jeder Vierte schätzt seine eigenen Digitalkenntnisse als ‚schlecht‘ ein, kann also kaum etwas mit digitalen Endgeräten anfangen.
Das ist jedenfalls eines der Ergebnisse der Repräsentativbefragung ‚Digitalakzeptanz der Deutschen‘, die MENTE>FACTUM und Media Tenor im Auftrag der Deutschen Glasfaser auf Basis von 3000 Interviews durchführte - und FOCUS exklusiv vorliegt.
Klaus-Peter Schöppner (Studium der Psychologie, Publizistik und BWL an der WWU Münster) war über 20 Jahre Geschäftsführer von TNS Emnid. Aktuell ist er Gesellschafter Geschäftsführer des Meinungsforschungs- und Demoskopie-Beratungs-Instituts MENTE>FACTUM GmbH. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.
Deutschlands digitales Kompetenzproblem
In der Tat: Unser Nachholbedarf ist enorm: Bei Bildung, Verwaltung, Netzen, Unternehmensautomatisierung, bei Bezahl- und Identifikationssystemen: Gerade mal 14% der Deutschen glauben, wir seien derzeit in der Digital- und Innovationspolitik ‚auf einem guten Weg‘. Auch weil die technische Aufholjagd allein nicht ausreicht, so lange die Bürger nicht mitgenommen werden. Denn erst die Kombination aus pfiffiger Digitaltechnik und Anwendungskönnen zaubert das digitale Deutschland.
Wer kennt sie nicht: Die ‚Glasfaser wofür? – Bürger‘? Die Autofahrer, die den Parkplatz verzweifelt versuchen zu verlassen, weil sie den Parkautomaten nicht verstehen? Die verlorenen Kunden, die Rabatte nur digital bekommen? Die Verbraucher, die ihre nun Digital-Prospekte nicht herunterladen können? Die ÖPNV-Verzweifler, die es nicht schaffen, das Prepaid Ticket zu lösen? Die verlorenen Enkelkontakte, weil das mit den Chats nicht klappt? Für viele ist die Digitalisierung die moderne Form der Aussperrung!
Milliarden an Sozialkontakten und Erlösen gehen verloren, wenn beim Staatsauftrag Digitalisierung neben der Technik – doch auch hier beklagen 71% der Jugendlichen das ‚Schneckennetz ihres Netzes – nicht auch die Kommunikation gleiche Bedeutung erlangt. Wenn das ‚Weiß nicht, wie das geht‘ aus analogen Nutzern den digitalen Wutbürger entstehen lässt. Was bislang noch die Regel ist: Denn 45% der über 60-Jährigen können digitale Endgeräte ‚schlecht‘ bedienen.
Drei Baustellen für die digitale Aufholjagd
Ob die Anwendungskompetenz bei den Non-Digital-Natives noch steigerungsfähig ist, hängt von drei Baustellen ab:
- Baustelle AUFKLÄRUNG: Klarmachen, wo uns die Digitalisierung nützen kann, solange deren Alltagsbedeutung massiv unterschätzt wird: Zwar glauben beinahe zwei von drei an Nutzen in der Gesundheitsversorgung, kaum weniger bei Finanzen sowie Verkehr / Mobilität. Dann aber überwiegen sofort die Zweifel: Nur jeder dritte Deutsche sieht positive Effekte für unsere Innere Sicherheit. Nur 41% bei Aus- und Weiterbildung. 39% bei Freundschaften und Beziehungen. Ein mentales ‚Update‘ ist also dringend notwendig: Klar machen, wozu alles Digitalisierung gut ist!
- Baustelle ANGST: Das dumpfe Gefühl vor der faktischen Abschaffung des Privaten! Vor wachsender Unsicherheit, vor Kriminalität, vor Finanzbetrug, vor dem Ausnutzen eigener Spuren in den sozialen Medien. Wo die Ängste der Deutschen ohnehin bereits ihr Maximum erreicht haben, ist das ‚Sorgen ernst nehmen und Lösungen für digitale Sicherheit allgemein verständlich machen‘ zweite wichtige Voraussetzung für die digitale Aufholjagd. Wobei Angst vor allem durch Unwissenheit entsteht, der dritten Baustelle!
- Baustelle DIGITALER BLACKOUT: Also raus aus dem tiefen Tal der Ahnungslosigkeit im Umgang mit Apps, Chats und der Bedienung von PC, Tablet, Smartphones. Große Defizite sind bereits bei den über 45-Jährigen auffällig, ab 60-Jährigen, also fast jedem dritten Verbraucher, herrscht weitgehendes Kenntnis- und Anwendungschaos. Viele Deutsche stecken immer noch in einem ‚Teufelskreis‘: Netzanwendungen überfordert sie, dadurch verlieren sie ihr Interesse, Digitalabstinenz ist die Folge.
Technik allein reicht nicht – digitale Teilhabe wird zur Schlüsselfrage
Wenn selbst der neue Digitalminister beim Durchklicken vieler Behörden-anträge bekennt, oftmals nach wenigen Klicks auf Seiten zu kommen, auf denen er nichts mehr verstanden habe, nutzt die beste Technik nichts, wenn sie nicht verstanden wird.
Zweifel am Nutzwert, Angst und Unkenntnis verursachen in Deutschland einen Milliardenschaden: Probleme beim digitalen Kommerz, Autofahrten statt Kampf um das richtige Bahnticket, aufgegebene Versuche, Arzttermine zu bekommen, bei Filmen am Streaming gescheitert: Digitalisierung soll das Leben der Bürger einfacher machen, bislang spaltet sie eher. Zumal wir für 16 Bundesländer auch noch 17 Datenschutzbeauftragte benötigen.
Gefordert sind zuerst die Fordernden: Nach Meinung der Deutschen müssen vor allem Politik, Verwaltung und Behörden am dringlichsten die digitale Aufholjagd starten. Nicht die Unternehmen, die ihre Aufgaben nach Bürger-meinung bislang weitaus intensiver erfüllt haben.
Digitale Teilhabe muss zweites große Ziel der deutschen Digitaloffensive sein: Also informieren, was, wann, wie getan werden muss, um digital fit zu werden. Nicht nur Investitionen in die Technik, genauso in die Anwendung der Technik: Durch Lehrgänge, gedruckte App-Anleitungen, durch persönliche Scouts. Und durch richtige Testimonials nach Beispiel des ‚Ich-bin-drin‘ - Boris. Mit Story- Telling und ersten Erlebnischats. Mit Enkeln, die den Senioren in der Nachbarschaft die Grundlagen erklären. Und Teilhabe durch die Sicherstellung von Wahlfreiheit – digital oder analog – jedenfalls noch für ein paar Jahre ermöglichen.
In Amerika werden häufig 10% von Forschungsetats in die ‚Das nützt es Dir-Kommunikation‘ investiert. Auch das könnte Minister Wildberger helfen, den Bürgern das dringend benötigte digitale Zugehörigkeitsgefühl zu vermitteln.