Adalbert Stifter wäre heuer 220 Jahre alt geworden. In Geretsried ist eine der Hauptverkehrsstraßen nach ihm benannt. Warum eigentlich?
Geretsried - Dass sich an der Adalbert-Stifter-Straße das Schulzentrum befindet, passt eigentlich ganz gut. Ihr Namensgeber unterrichtete als Lehrer unter anderem den Sohn des damaligen Staatskanzlers Fürst Metternich in Physik und Mathematik. Außerdem war er Mitbegründer der Realschule zu Linz. Bekannt ist Adalbert Stifter aber vor allem als Autor. Am Donnerstag wäre er 220 Jahre alt geworden. Ein Schild an der Kreuzung zur Jahnstraße erinnert an den „Dichter des poetischen Realismus“.
Adalbert Stifter: Warum Straßen und Schulen seinen Namen tragen
Adalbert Stifter stammt aus dem südlichen Böhmen. Am 23. Oktober 1805 wurde er als Sohn einer Leinenweber- und Flachshändlerfamilie in Oberplan (heute die tschechische Stadt Horní Planá) geboren. Im Revolutionsjahr 1848 siedelte er über ins 80 Kilometer entfernte Linz. Dort starb er am 28. Januar 1868.
Sowohl in seinem Geburtshaus in Tschechien als auch in seinem Wohn- und Sterbehaus in Oberösterreich erinnern Museen an den „Autor der Weltliteratur“. Der ehemalige Leiter des Stifter-Haus in Linz, Hofrat Dr. Johann Lachinger, schrieb in einer seiner Publikationen, dass man Adalbert Stifter ohne Weiteres so bezeichnen könne, gehöre er doch zu den historischen Größen der österreichischen Literatur. Lange Zeit sei Stifter „als böhmisch-österreichischer Heimatschriftsteller angesehen worden, als biedermeierlicher Naturschilderer und Idylliker, als Erbauungsschriftsteller und Harmonisierer“, so Lachinger. Erst spätere Generationen hätten „in ihm den vielschichtigen, ja abgründigen Künstler wahrgenommen, dem Kunst und Ästhetik nicht nur als wesentliche Bildungsmittel für die Humanisierung der Menschenwelt, sondern als sublimative Bewältigungsstrategien krisenhafter Welt- und Existenzerfahrung dienten“.
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Geretsrieder Gemeinderat vergab Straßennamen im Jahr 1951
Am bekanntesten sind Stifters Bildungsroman „Der Nachsommer“ und der historische Roman „Witiko“. Berühmt wurde er mit Böhmerwald-Erzählungen wie „Das Heidedorf“, „Der Hochwald“ und „Die Mappe meines Urgroßvaters“, die er unter dem Titel „Studien“ veröffentlichte.
Adalbert Stifter sind viele Denkmäler, Schulen und Verkehrswege gewidmet. Im Münchner Stadtteil Bogenhausen gibt es die gleichnamige Straße schon so lange, dass sie sich in Thomas Manns „Herr und Hund“ (1918) wiederfindet. Dort geht der Autor mit seinem Hund Bauschan spazieren. Im noch jungen Geretsried beschloss der damalige Gemeinderat am 11. November 1951, die „Fortsetzung der Egerlandstraße von Tor 5 bis Tor 7 (Zugangstore der Rüstungswerke)“ Adalbert-Stifter-Straße zu nennen, berichtet der Arbeitskreis Historisches Geretsried in seinem Heft über Straßennamen.
Warum ausgerechnet dieser große Schriftsteller? „Seine Werke und seine Haltung verkörpern Werte wie Heimatverbundenheit, Maß, Ordnung, Naturbewusstsein und Bildung, die auch für viele der nach dem Zweiten Weltkrieg aus Böhmen und dem Sudetenland Vertriebenen prägend waren“, erklärt Bürgermeister Michael Müller auf Nachfrage unserer Zeitung. In Geretsried fanden sie eine neue Heimat und erinnerten sich so an ihre Herkunft. Müller: „Die Benennung der Adalbert-Stifter-Straße ist in diesem Zusammenhang zu verstehen – als kulturelles Zeichen der Verbundenheit mit den böhmischen Wurzeln vieler Neubürger und als Würdigung eines Autors, der Heimat und Menschlichkeit in den Mittelpunkt seines Schaffens stellte.“
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