Winterstürme wüten regelmäßig an der Adria und reißen über Kilometer Sandstrände weg. Jetzt beobachten Experten die „Wiedergeburt einer Insel“.
Venedig – Wind und Wellen setzen den Küsten am Mittelmeer zu. Venedig droht unterzugehen, prophezeien Experten schon seit langem. Seit Jahrhunderten bedroht Hochwasser „Aqua Alta“ das Juwel an der Adria. Ausgerechnet in der Lagune von Venedig taucht eine neue Insel aus dem Wasser auf. Mit einer ganz besonderen Dynamik. Ein Phänomen, das nicht alle begeistert.
„Punkige grüne Haartolle in der Lagune“ – Neue Insel in der Lagune von Venedig?
Die neue Insel in der Lagune von Venedig liegt zwischen der Insel Sant’Erasmo und der Hafeneinfahrt des Lido, wo die Lagune auf die Adria trifft. Eigentlich ist die Sandbank namens Bacàn nicht ganz neu. Im Sommer ist der langgezogene Streifen als geheimes Paradies der Venezianer bekannt, der im Winter im Meer verschwand. Doch dieses Jahr ist die Insel auch im Winter vor der Küste Venetiens zu sehen. Inzwischen scheint sich der Sandstreifen zu einer Insel von 260 Metern Länge und zehn Metern Breite verfestigt zu haben.
Überraschung in Venedig: „Dank MOSE ist eine neue Insel entstanden“
Das MOSE-Flutschutzsystem soll für die „Wiedergeburt der Insel“ verantwortlich sein, berichten italienische Medien. Jedenfalls ist Giovanni Cecconi Ingenieur und ehemaliger Leiter der MOSE-Kontrollzentrale davon überzeugt. MOSE habe seiner Auffassung nach geholfen, dass sich Bacàn zu einer echten Insel entwickeln konnte.
„Dank MOSE ist eine neue Insel entstanden“, schreibt Cecconi auf Facebook. Die Insel sei genau im Jahr 2020 entstanden, als MOSE in den Dienst gestellt wurde. „Seit 2020 ist die Insel so stark gewachsen, dass sie das ganze Jahr über präsent ist“, so der Ingenieur. Dutzende von „BORA-Stürmen“ im Winter erzeugten keine Wellen mehr, die die Sommerablagerungen zerstören könnten. Die Sandbank auf der Seite von Venedig wachse im Sommer weiter. Pflanzen und Vegetation würden entstehen, die Salzwiesen ähneln. Dazu veröffentlicht Cecconi Fotos von Google Earth.
Flutsystem MOSE beeinflusst Strömungen in der Lagune von Venedig
Mit dem Flutsystem MOSE werden Gezeiten von mehr als 110 Zentimeter gestoppt. Unter den Venezianern war die Sorge groß, dass sich mit MOSE die Strömungen in der Lagune veränderten und ihre Oase auch im Sommer für immer verschwinden könnte. Nun ist offenbar das Gegenteil der Fall.
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„Das MOSE hat Bacàn nicht zerstört, sondern geholfen, sich zu einer echten Insel zu entwickeln. Was früher nur eine flache Sandbank war, ist heute eine stabile Landmasse – fast wie eine ‘punkige grüne Haartolle’ inmitten der Lagune“, sagte Giovanni Cecconi im italienischen Corriere Del Veneto. Für Ceccioni ist Bacàn der Beweis, dass die künstliche Flutschutzsperre die Lagune positiv beeinflusst.
Skeptischer äußert sich Andrea D’Alpaos, Professor für Hydrologie an der Universität Padua. Seiner Meinung nach fördere MOSE nicht allgemein das Wachstum von Salzwiesen – den typischen Lagunenlandschaften. Die künstliche Insel des MOSES habe vielmehr die Strömungsverhältnisse positiv beeinflusst, sodass sich Sedimente ablagern konnten.
Pierpaolo Campostrini, Direktor von Corila (Konsortium für das Management der Lagunenforschung) erklärt im Corriere Del Veneto: „Bacàn zeigt uns, wie dynamisch die Lagune von Venedig ist. Wichtig wäre es, ein spezielles Observatorium einzurichten, um diese Veränderungen besser zu untersuchen.“
Venedig wird in den Sommermonaten von Touristenmassen überrannt. Mit Eintrittsgebühren versucht die Lagunenstadt dagegen zusteuern. Es gibt eine „No List“, die zeigt, welche Ziele Urlauber 2025 besser meiden sollten. (ml)