„Als Mensch geht man ein Stück weit kaputt“: Schriftsteller aus Oberbayern verarbeitet Erfahrungen beim Knabenchor

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„Das ist sehr verführerisch und kann sehr schnell entgleisen“: Die Verhältnisse, unter denen die hohe künstlerische Qualität im Tölzer Knabenchor entstand, sind ein Thema im neuen Roman „Durch das Raue zu den Sternen“. © Arndt Pröhl

Autor Christopher Kloeble, der in Königsdorf aufwuchs, greift im Roman „Durch das Raue zu den Sternen“ auf Erfahrungen beim Tölzer Knabenchor zurück.

Bad Tölz/Königsdorf – In Bad Loss ist ein berühmter Knabenchor beheimatet. Den Ton gibt dort der charismatische Gründer Richard Hans-Gilbert an. Auch dessen Tochter Eleonore spielt eine zentrale Rolle für das Ensemble. Und der „Losser Bote“ veröffentlicht begeisterte Kritiken von den Konzerten im Kurhaus. Fremd und doch vertraut klingen einige der Orts- und Personennamen im neuen Roman des aus Königsdorf stammenden Autors Christopher Kloeble. In „Durch das Raue zu den Sternen“ kehrt der inzwischen etablierte Schriftsteller zu den Erfahrungen zurück, die er selbst als Kind beim Tölzer Knabenchor machte.

Mädchen will in den Knabenchor

Fünf Jahre sind seit der Veröffentlichung von Kloebles vorigem Roman „Das Museum der Welt“ vergangen. Was den Schauplatz seiner Bücher angeht, könnte der Kontrast nicht größer sein. „Das Museum der Welt“ spielte in Indien, das ㈠Kloeble seit der Heirat mit der Schriftstellerin Saskya Jain zur zweiten Heimat geworden ist. In „Durch das Raue zu den Sternen“ dagegen ist nun eindeutig das Oberland wiederzuerkennen, mitsamt dem Tölzer Knabenchor sowie – wenn auch künstlerisch frei umgedichtet – Chorgründer Gerhard Schmidt-Gaden und dessen Tochter Barbara.

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Kloeble (43) wuchs in Königsdorf auf – und in einem ganz ähnlichen Ort lebt Anfang der 1990er-Jahre auch seine Hauptfigur, die 13-jährige Arkadia Fink, genannt Moll. Die Jugendliche setzt sich ein unerhörtes Ziel: Sie setzt alles daran, im Losser Knabenchor zu singen. Spannend und pointiert ist es zu lesen, wie das Mädchen mit viel Talent, Chuzpe, Hartnäckigkeit und unbeugsamem Willen seinen Plan verfolgt.

Stimmbruch bedeutet das Karriereende

Dabei gibt der Roman Einblicke in die Strukturen eines renommierten Knabenchors. Es sind oft manipulative Methoden, mit denen Kinder dort zu künstlerischen Höchstleistungen angetrieben werden. Grenzen psychischer Gewalt werden überschritten, Machtstrukturen ausgespielt. All das gibt ㈠Kloeble präzise und mit klugem Blick wieder, ohne in Anklage oder Wehleidigkeit zu verfallen.

Autor Christopher Kloeble sang als Kind selbst im Knabenchor.
Autor Christopher Kloeble sang als Kind selbst im Knabenchor. © Maximilian Gödecke

Das Thema habe er schon länger mit sich herumgetragen, sagt Kloeble im Gespräch mit unserer Zeitung. Selbst gehörte er dem Tölzer Knabenchor im Alter zwischen sechs und elf Jahren an. Als der Stimmbruch seiner musikalischen Karriere ein natürliches Ende bereitete, habe das zwar seine herausgehobene Stellung unter Gleichaltrigen beendet. In erster Linie aber sei er erleichtert gewesen, sagt er.

Bis heute Zuschriften ehemaliger Knabenchor-Sänger

Schon in seiner frühen Kurzgeschichte „Das Fass von Königsdorf“ hatte Kloeble eine selbst erlebte Mobbing-Episode beschrieben: wie der Chorleiter die ganze Knabenschar dazu animiert, ein Spottlied auf einen etwas fülligeren Buben in ihren Reihen anzustimmen. Dieses Erlebnis findet auch wieder Eingang in „Durch das Raue zu den Sternen“. 2017 schilderte Kloeble in seinem autobiografischen Buch „Home made in India“ ebenfalls die fragwürdigen pädagogischen Methoden beim Knabenchor. Deutschlandweit griffen das Thema seinerzeit mehrere Medien auf.

Bis heute erhalte er Zuschriften von ehemaligen Knabenchor-Sängern. „Männer, die heute in ihren 40ern oder 50ern sind, sagen mir, dass sie froh sind, dass auch jemand anderes das als schwierige Zeit empfunden hat, und dass es bis heute immer wieder bei ihnen hochkommt.“

Gefährliches Machtgefälle im Knabenchor

Als Kind, sagt Kloeble, wisse man noch nicht: „Ist es okay, wenn ein Erwachsener dich ,Arschloch‘ nennt und dir nichts mehr zu trinken gibt, wenn du nicht gut singst? Ein Kind ist sehr gut darin, sich an die Gegebenheiten anzupassen. Doch als Mensch geht man dabei ein Stück weit kaputt.“ Erst als Erwachsener verstehe man oft, mit wie viel Angst und Scham der Weg belegt war, auf dem die Knaben zu Höchstleistungen geführt wurden. „Es ist vergleichbar mit dem Hochleistungssport“, sagt der Autor.

Die Konstellation, dass Erwachsene mit Kindern zusammenarbeiten, berge ein missbrauchsanfälliges Machtgefälle. „Das ist sehr gefährlich und verführerisch und kann sehr schnell entgleisen.“ Heute frage er sich, ob man die hohe musikalische Qualität „nicht auch mit einem menschenfreundlicheren Umgang erreichen könnte“.

Keine feministische Kampfschrift

Über all das habe er aber nicht autobiografisch als „Mitleidsgeschichte“ schreiben wollen, sagt Kloeble. Und das tut er auch nicht. Denn seine Hauptfigur Moll ist eine starke, kantige Persönlichkeit, die sich im Haifischbecken Knabenchor sehr gut zu behaupten weiß. Unter den Knaben versteht sie perfekt das Prinzip der Hackordnung: „Wenn ich andere nicht fertig mache, machen sie mich fertig.“ Bei all dem behält sie jedoch Rückgrat und Gerechtigkeitssinn. Er selbst wäre wohl als Kind gerne ein wenig wie Moll gewesen. „Ich war eher verunsichert und hatte oft Angst.“

Eine „feministische Kampfschrift“ solle „Durch das Raue zu den Sternen“ übrigens auch nicht sein, ergänzt Kloeble. Dabei ist die Frage, ob Knabenchöre Mädchen aufnehmen sollten, in Fachkreisen durchaus umstritten. Für den Tölzer Knabenchor kommt es aktuell nicht infrage. Kloeble will die musikalischen Aspekte einer solchen Entscheidung nicht bewerten. „Aber ich denke, dass sich die Dinge mit der Zeit verschieben werden“, meint er.

Musik kann viel bewegen

Sein Roman „Durch das Raue zu den Sternen“ aber ist vielschichtiger und subtiler, als es eine klare Forderung nach Öffnung wäre. Und das kritische Portrait des Knabenchors fällt weder einseitig aus, noch steht es aufdringlich im Vordergrund. Es liefert vielmehr den Handlungsrahmen für eine andere Geschichte, die Kloeble sehr berührend und mit viel Poesie erzählt: vom Kampf einer jungen Frau um ihren Platz in der Welt, von der liebevollen Verbindung in einer Familie, auch wenn diese nicht den Standards entspricht, und vom Umgang mit einem Verlust. Wenn Moll im Knabenchor reüssiert, so hofft sie, wird die Mutter, die vor knapp neun Monaten angeblich „kurz wegging“, zurückkehren. Die Kraft der Musik, so zeigt uns Kloeble, vermag vieles zu bewegen.

Infos zum Buch: Christopher Kloeble, „Durch das Raue zu den Sternen“, Klett-Cotta, 240 Seiten, 24 Euro. (ast)

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