Russland beschuldigt die Ukraine eines Drohnenangriffs. Selenskyj weist die Anschuldigungen zurück. Lawrow kündigt Vergeltungsschläge an.
Moskau – Ein angeblicher Drohnenangriff auf die Residenz des russischen Präsidenten Wladimir Putin bringt neue Unruhe in die ohnehin stockenden Friedensgespräche zum Ukraine-Krieg. Moskau stellt Kiews Verhandlungsposition im Ukraine-Krieg infrage – und wirft der Ukraine vor, gezielt eine Eskalation herbeiführen zu wollen. Das fragile Verhältnis der Ukraine zu US-Präsident Donald Trump könnte darunter leiden.
Am Tag nach dem Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Trumps Anwesen Mar-a-Lago telefonierten Trump und Putin. Trumps Sprecherin Karoline Leavitt, die sich kurz nach den Vorwürfen aus Moskau äußerte, bezeichnete das Gespräch als „positiv“. Laut russischer Darstellung zeigte sich Trump im Gespräch „schockiert und empört“ über den angeblichen Drohnenangriff auf Putins Residenz und sprach von „verrückten Aktionen“, die er sich kaum habe vorstellen können.
Kreml spricht von Drohnenangriff auf Putins Residenz: Russland kündigt Vergeltung an
Nach Angaben des Kreml soll die Ukraine einen Drohnenangriff auf die offizielle Residenz von Präsident Wladimir Putin im Gebiet Nowgorod verübt haben. Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow erklärte laut der dpa, der Kreml-Chef habe US-Präsident Donald Trump in einem Telefonat über den Vorfall informiert. Der Angriff sei demnach abgewehrt worden, Schäden oder Verletzte habe es nicht gegeben.
Russlands Außenminister Sergej Lawrow sprach von einem „terroristischen Angriff“ mit insgesamt 91 Drohnen, die von der russischen Luftabwehr zerstört worden seien, wie die AFP schrieb. Als Reaktion kündigte Lawrow an, Russland werde seine Position in den Verhandlungen mit den USA über ein Ende des Ukraine-Kriegs „überarbeiten“ und zugleich Vergeltungsschläge gegen Ziele in Kiew vorbereiten.
Gleichzeitig betonte Lawrow, Russland steige trotz des Vorfalls nicht aus den Gesprächen mit den USA aus, behalte sich aber eine militärische Antwort vor. Die Ukraine wiederum sieht in den Vorwürfen einen bewussten Versuch, Russlands fortgesetzten Angriffskrieg politisch zu legitimieren.
Selenskyj warnt vor Angriffen auf Kiew – Trump will Ukraine-Haltung womöglich ändern
Der ukrainische Präsident wies die russischen Anschuldigungen entschieden zurück. Es handele sich um „eine weitere Lüge der Russischen Föderation“, sagte Selenskyj laut der AFP. Moskau wolle damit lediglich einen Vorwand schaffen, um neue Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt zu rechtfertigen. „Die übliche russische Taktik: Die andere Seite dessen beschuldigen, was man selbst tut oder plant“, schrieb der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha auf der Onlineplattform X.
Nach Angaben Uschakows, die die russische Staatsnachrichtenagentur TASS zitierte, machte Putin im Telefonat deutlich, dass Russlands Haltung zu weiteren Verhandlungen unter dem Eindruck des mutmaßlichen Angriffs neu bewertet werde. Trump habe wiederum erklärt, dass dieser Vorfall die amerikanische Herangehensweise im Umgang mit Selenskyj beeinflussen könne.
Die übliche russische Taktik: Die andere Seite dessen beschuldigen, was man selbst tut oder plant.
Selenskyj telefoniert mit Kanzler Merz – Warnung vor Vergeltungsangriffen auf Kiew
An die internationale Gemeinschaft appellierte Selenskyj laut BBC vor diesem Hintergrund: „Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die Welt jetzt nicht schweigt. Wir dürfen nicht zulassen, dass Russland die Bemühungen um einen dauerhaften Frieden untergräbt.“ Der ukrainische Präsident habe laut eigenen Aussagen bereits mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) geredet.
Selenskyj warnte eindringlich vor bevorstehenden russischen Attacken auf Regierungsgebäude in Kiew. „Jeder muss jetzt wachsam sein, absolut jeder“, erklärte er und verwies darauf, dass Putin bereits von der Auswahl konkreter Ziele gesprochen habe. Zudem warf Selenskyj Russland vor, gezielt die diplomatischen Bemühungen der USA zu sabotieren, um den Krieg weiterzuführen.
Eskalation statt Annäherung? Vorwürfe auf Moskau könnten Friedensdeal im Ukraine-Krieg kippen
Der Vorwurf aus Moskau fiel nur einen Tag nach einem Treffen zwischen Selenskyj und US-Präsident Donald Trump in dessen Anwesen Mar-a-Lago in Florida. Zwar sprach Trump im Anschluss von „großen Fortschritten“ in den Gesprächen über ein mögliches Kriegsende, konkrete Ergebnisse blieben jedoch aus.
Der Ukraine-Krieg dauert inzwischen fast vier Jahre an. Während Kiew sich auch mit Drohnenangriffen gegen russische Ziele verteidigt, nutzt Moskau den aktuellen Vorfall offenbar, um den diplomatischen Druck zu erhöhen und neue militärische Schritte anzukündigen. Die ohnehin fragilen Friedensgespräche stehen erneut auf der Kippe. (Quellen: AFP, dpa, TASS, BBC, eigene Recherche)