Vor 50 Jahren stürzt auf Kreta eine Bundeswehr-Maschine ab: Zeitzeugen kehren an Unglücksort zurück

  • Tobias Schwaninger
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Am 9. Februar 1975 zerschellt auf der griechischen Insel eine Bundeswehr-Maschine. 42 Soldaten sterben, ein Hilfstrupp muss ihre leblosen Körper bergen. Helfer von damals schildern ihre Eindrücke.

Der 9. Februar 1975 hat sich in das Gedächtnis vieler deutscher Soldaten eingebrannt. An diesem Tag stürzt eine Transall-Maschine mit 42 Passagieren auf Kreta ab. Nur Stunden später steigen Josef Anzenberger und Victor Asal in ein Flugzeug. Zusammen mit über 20 Gebirgsjägern beordert sie der Verteidigungsminister an den Unglücksort. Falls es Überlebende gibt, brauchen sie Hilfe. Was sie nicht wissen: Es hat niemand überlebt, 42 Menschen sind tot. Unter widrigsten Bedingungen bergen sie leblose Körper. An den Ort der Katastrophe sind beide nun zurückgekehrt.

Die Bundeswehr verbindet mit der Insel Kreta einen ihrer schlimmsten Unfälle

Die größte Insel Griechenlands übt auf die Menschen hierzulande eine große Faszination aus. 2023 verbrachten rund 1,2 Millionen Deutsche ihren Urlaub dort. Tausende sind in den vergangenen Jahren dorthin sogar ausgewandert. Die Bundeswehr und ihre Luftwaffe verbindet mit Kreta dagegen eine der schwersten Unglücke ihrer Geschichte. Zwei Gedenkstätten erinnern bis heute an die Menschen, die am Faschingsmontag 1975 aus ihrem Leben gerissen wurden. Alle fünf Jahre versammeln sich dort Soldaten, um innezuhalten. Bislang ohne Mittenwalder Beteiligung.

Exakt ein halbes Jahrhundert nach der Katastrophe flog nun eine siebenköpfige Delegation der Gebirgs- und Winterkampfschule nach Kreta. Der schlossen sich neben Kommandeur Eike Gudat auch die Zeitzeugen Josef Anzenberger und Victor Asal an. Beide gehören vor 50 Jahren zu den ersten Helfern vor Ort. Die Rückkehr nach Kreta berührt sie: „Es war sehr emotional“, sagt Asal.

Die Delegation aus Mittenwald: (v.l.) Oberstleutnant Eike Gudat, Hauptmann Dirk Freudenthal, Oberstleutnant a. D. Josef Anzenberger, Oberstleutnant Ivo Ludwig, Oberstabsfeldwebel Thomas Zimmermann, Stabsfeldwebel a. D. Victor Asal und Oberstabsfeldwebel Carsten Schneider.

Angehörige haben auch 50 Jahre später noch Tränen in den Augen

Immer wieder wird er, inzwischen 87 Jahre alt, von Angehörigen der Opfer angesprochen. Geduldig erzählte Asal von einem seiner schwersten Einsätze. Den Zuhörern, die einen geliebten Menschen verloren haben, steigen Tränen in die Augen. Auch Anzenberger kommt mit Hinterbliebenen ins Gespräch. Eines berührt den 86-Jährigen besonders: „Ich habe mich mit einer Frau unterhalten, die damals schwanger war.“ Die Frau hat ihren Ehemann verloren, ihr Sohn seinen Vater nie kennengelernt. Diese Unterhaltungen sind für die Zeitzeugen wie eine Reise in die Vergangenheit.

Am frühen Morgen des Rosenmontag 1975 sitzt Anzenberger gerade in seinem Auto. Auf der 20-minütigen Fahrt von Garmisch-Partenkirchen nach Mittenwald hört er Radio. Was der Moderator bei den 7-Uhr-Nachrichten dann verkündet, lässt ihn aufhorchen: Eine Maschine der Luftwaffe wird vermisst. Die 42 Passagiere an Bord sollten an einer NATO-Übung teilnehmen. Der Heeresbergführer ahnt da bereits, dass sein Arbeitstag anders als geplant laufen wird.

Von der Piste ins Flugzeug: Helfer können nicht mal ihre Zahnbürste einpacken

Eigentlich soll Anzenberger junge Kameraden zu Skilehrern ausbilden, Riesentorlauf steht heute auf dem Programm. Dann erreicht die Soldaten der Befehl: Sie müssen nach Kreta. Asal, der auch auf der Piste steht, kann nicht mal seine Zahnbürste einpacken. „Ich wurde im Skianzug von der Piste geholt.“

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Gegen Mitternacht landen sie mit rund 30 anderen Soldaten auf der Mittelmeer-Insel. Wenige Stunden später sitzen sie im Hubschrauber und blicken mit Ferngläsern auf das Hochgebirge, wo das Wrack der Transall-Maschine vermutet wird. Obwohl am Faschingsdienstag die Sonne strahlt, ist die Suche sehr schwer. Die Berge auf Kreta ragen teils über 2000 Meter in die Höhe. Plötzlich ruft dann einer der Männer: „Ich sehe das Flugzeug.“ Es liegt knapp unter dem Gipfel des Kaloros. Anzenberger, der den Hilfstrupp anführt, wird relativ schnell klar: Es gibt keine Überlebenden. Die traurige Nachricht überbringt er kurze Zeit später Verteidigungsminister Georg Leber (SPD).

Die Bergung der Leichen dauert zehn Tage lang: Den Helfern bieten sich schlimme Anblicke

An den folgenden zehn Tagen bergen die Helfer die Leichen aus dem Wrack. Wäre das nicht schon Belastung genug, stellt sie auch das Wetter vor große Herausforderungen. Der Schnee liegt bis zu vier Meter hoch, der Wind peitscht ihnen um die Ohren. Die leblosen Körper der Opfer zu sehen, ist für die Soldaten eine große Belastung. Anhand von Tagebüchern und Fotos können sie einige identifizieren. Anschließend fliegen sie nach Deutschland. Dort wartet auf sie wieder das Tagesgeschäft. Eine psychologische Betreuung ist damals noch nicht vorgesehen. Zuerst sprechen sie kaum darüber, mit der Zeit arbeiten sie das Erlebte gemeinsam auf: „Sonst wird man das nie los“, sagt Asal.

Die Bilder vom Unglücksort geistern immer noch durch ihren Kopf. Bei ihrer Rückkehr wollen sie ihn nochmal mit eigenen Augen sehen. Jedoch hat das Wetter, wie vor 50 Jahren, kein Einsehen mit ihnen. Als sie auf den ersten Schnee treffen, streikt der Mietwagen. Bis zum Ziel sind es noch 500 Höhenmeter – unmöglich unter diesen Bedingungen. Ihnen bleibt keine andere Wahl: Sie kehren um. (tsch)

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