Eine Oberallgäuerin bricht das Tabu Tod – mit einem Arbeitsbuch für bewusste Abschiede

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Unter dem Titel „goodbye – Damit es ein gutes Bye wird“ soll das Arbeitsbuch der Oberallgäuerin Ronja Walch erscheinen. Das Buch wird über Crowdfunding finanziert. © Tizian Pöhlmann

Der Tod ist ein Tabuthema. Das muss nicht sein, findet die 34-jährige Ronja Walch. Die Wahl-Allgäuerin hat ein Arbeitsbuch mit dem Titel „goodbye – Damit es ein gutes Bye wird“ geschrieben. Mit dem Kreisbote spricht Walch über Schicksalsschläge, bewusstes Leben und warum Verantwortung nicht mit dem eigenen Leben endet.

Oberallgäu – An dem Tag, als ihre langjährigste Freundin beerdigt wurde, beschloss Ronja Walch, ihr Leben zu ändern. Die beiden Freundinnen wuchsen in einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg auf. Ronja Walch kellnerte als Jugendliche. Dabei lernte sie Su kennen. „Wir waren unterschiedlich, aber völlig auf einer Wellenlänge.“ Su war 12 Jahre älter. Sie kellnerte, weil das gut mit ihren Kindern vereinbar war. Ronja Walch kellnerte, um ihr Taschengeld aufzubessern.

Su war von Yoga begeistert, zu einer Zeit, in der Yoga noch wenige kannten. Ab und zu benutzte Su sie als Versuchskaninchen, erzählt Walch mit einem Lächeln. Dann zog es Ronja Walch hinaus. Sie studierte Wirtschaftspsychologie in Heidelberg. In Hamburg schloss sie ihren Master in Human Resource Management ab. Walch kletterte die Karriereleiter hinauf. 2018 zog Ronja ins Allgäu und arbeitete als Personalleitung in einem mittelständischen Unternehmen.

Abschied nehmen: Ein Buch hilft bei der Vorbereitung auf den Tod

Walch lernte ihren Partner kennen, 2021 kam ihre Tochter zur Welt. Währenddessen hatte Su ihre Kinder großgezogen und ein erfolgreiches Yoga-Studio in ihrem Heimatdorf aufgebaut. Viel hatte sich verändert, aber das Band, das die beiden Freundinnen zusammenhielt, blieb über die Jahre und Entfernungen bestehen. Mit Anfang vierzig hatte Su alles erreicht, was sie erreichen wollte, berichtet Walch. „Sie hatte eine neue, gute Partnerschaft, ihre Kinder großgezogen, ihr eigenes Yoga-Studio.“ Dann die Diagnose Krebs. An dem Tag ihrer Beerdigung habe Walch Urlaub genommen und eine Bergtour gemacht, die sie damals mit Su gelaufen ist. Währenddessen sei Walch klar geworden: ‚Ich kündige meinen Job.“

Am gleichen Abend brachte Walch ihre Tochter ins Bett und begann mit der Arbeit des Abschiedsbuchs. Walch war von Anfang an klar, dass es ein Arbeitsbuch werden solle. „Es gibt tausend Checklisten im Internet, aber wie viele füllen Sie aus?“, fragt sich Walch. Laut einer Studie der Deutschen Bank aus dem Jahr 2024 haben 50 Prozent der über 65-Jährigen ein Testament. Bei den unter 50-Jährigen sind es 11 Prozent. Für Walch ist ein Testament nur eine Kleinigkeit bei der Vorbereitung auf den Tod.

Bunte Auseinandersetzung

Inhaltlich ist das Abschiedsbuch nach dem DISG-Modell gegliedert. Das Modell begleitet Walch seit ihrem Studium und ordnet Menschen in einen von vier verschiedenen Typen ein. Das Modell ist wissenschaftlich nicht erwiesen, aber Walch hält es für „super praktikabel“. Jeder Typ lässt sich demnach einer Farbe zuordnen. Walchs Abschiedsbuch beginnt mit dem gelben Kapitel: der Initiative. Hier reflektiert der Leser, welche Menschen ihn geprägt haben, welche heute wichtig sind – und ganz praktisch auch, wer im Ernstfall organisatorische Aufgaben übernehmen könnte.

Das blaue Kapitel widmet sich dem Administrativen. Testament, Bankkonten, Versicherungen sowie der digitale Nachlass – von Streaming-Abos bis zu regelmäßig gelieferten Bestellungen wie Hundefutter – werden dokumentiert. Eine klare Anleitung soll Hinterbliebenen helfen, alles unkompliziert zu kündigen. Das grüne Kapitel trägt den Titel „Der letzte Auftritt“. Hier geht es um die Gestaltung der Beerdigung: Wer soll anwesend sein, wie möchte man bestattet werden, welche Atmosphäre wünscht man sich? Zum Schluss folgt das rote Kapitel, das emotionalste. Hier geht es um Herzmomente: persönliche Botschaften und Briefe. Walch selbst hat beispielsweise einen Brief an ihre Tochter geschrieben, den diese lesen soll, wenn sie ihr erstes Kind bekommt.

In der Mitte des Lebens

Walchs Zielgruppe sind Menschen in der Lebensmitte, die sowohl ihre älter werdenden Eltern als auch ihre heranwachsenden Kinder begleiten. Sie könnten als Brückenbauer zwischen den Generationen das Thema Tod bewusst ins Leben bringen. Denn für Walch gehört die Beschäftigung mit dem Tod zur Verantwortung als Erwachsener: „Wenn ich mich dem entziehe, muss jemand anders die Entscheidung treffen. Irgendjemand muss entscheiden, wie ich beerdigt werde. Das Buch „goodbye – Damit es ein gutes Bye wird“ wird über Crowdfunding finanziert und kann online unter www.entspannt-sterben.de vorbestellt werden. Das Buch umfasst 200 Seiten. Die Autorin empfiehlt, es nicht am Stück durchzuarbeiten, sondern in kleinen Portionen.

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