Kai Wegner, Berlins CDU-Bürgermeister, musste einräumen: Während 100.000 Berliner ohne Strom ausharrten, genoss er eine Tennis-Partie. Der Zorn ist immens.
Berlin – Für hundertausende Berliner kann seit gestern Nachmittag nach dem verheerenden, tagelangem Stromausfall wieder das normale Leben beginnen. Für Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) wird es dagegen immer ungemütlicher: Jetzt kam heraus, dass er am Tag des Stromausfalls mit seiner Lebensgefährtin Tennis spielte, während 45.000 Berliner Haushalte vom Stromnetz abgeschnitten waren. Parteiübergreifend prasseln nun Rücktrittsforderungen auf Wegner ein. Für den CDU-Bürgermeister könnte sich die Sache als fataler Laschet-Moment entpuppen.
Zur Erinnerung: Bei einem Besuch im Sommer 2021 im Hochwassergebiet im nordrhein-westfälischen Erftstadt fingen Kameras ein, wie der damalige Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) witzelte und lachte. Ausgerechnet, während wenige Meter entfernt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit ernster Miene über „diejenigen, die große Verluste erlitten haben“, sprach. Die Szene löste eine Lawine an Kritik aus. Von da an schien Laschets Niederlage bei der Bundestagswahl 2021 besiegelt.
Wegner gab Tennispartie während Stromausfall in Berlin erst nicht zu – „Ganzen Tag am Telefon“
Pikant bei Kai Wegner (52) ist vor allem, dass er zunächst nicht zugegeben hatte, dass er wenige Stunden nach dem Stromausfall auf dem Tennisplatz stand. Zuvor hatte er auf Journalistenfragen verärgert geantwortet, er habe am Samstag, als der Blackout startete, sich „weder gelangweilt noch die Füße hochgelegt“, sondern sei „den ganzen Tag am Telefon“ gewesen. „Ich war zu Hause, habe mich in meinem Büro eingeschlossen im wahrsten Sinne und habe dann koordiniert.“
Dass das nicht die ganze Wahrheit war, sondern er von 13 bis 14 Uhr Tennis spielte, gab Wegner erst zu, nachdem ihn der Sender rbb damit konfrontiert hatte. Der Tagesspiegel berichtete darüber, dass er mit seiner Lebensgefährtin, der Bildungssenatorin Katharina Günter-Wünsch (CDU), auf dem Platz stand.
Senatssprecherin Christine Richter betonte, der CDU-Politiker sei immer erreichbar gewesen. Auch Wegner erklärte im rbb, er sei vor und unmittelbar nach seinem Ausflug auf dem Tennisplatz im Einsatz und auch auf dem Platz erreichbar gewesen. Während Wegners Tennis-Partie waren 100.000 Berliner wegen eines Brandanschlags bereits stundenlang ohne Strom. Prekär war vor allem die Situation in Pflegeheimen, die ab 10 Uhr evakuiert wurden.
Blackout in Berlin
Der Stromausfall im Südwesten Berlins betraf rund 100.000 Menschen. Vom Samstagmorgen (3. Januar) an saßen 45.000 Haushalte im Dunkeln – ohne Heizung, Internet und Mobilfunk. Ausgelöst wurde der längste Blackout der Nachkriegsgeschichte durch einen Brandanschlag an einer Kabelbrücke im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, zu dem sich eine linksextremistische Gruppe bekannte. Erst am Mittwochnachmittag (7. Januar) war der Schaden behoben.
Berlins Bürgermeister Kai Wegner lässt sich erst am zweiten Tag des Stromausfalls blicken
Wegner war bereits zuvor kritisiert worden, dass er sich erst am zweiten Tag des Stromausfalls ein Bild von der Lage vor Ort gemacht hatte: Erst am Sonntag tauchte der Regierende Bürgermeister bei den Betroffenen auf und besuchte eine Notunterkunft. Dort musste er sich laut einem Bericht des Spiegel Vorwürfe anhören, warum das Krisenmanagement in Berlin nicht funktioniere und er sich erst jetzt blicken lasse. Der CDU-Politiker habe unbeholfen gewirkt und keine gute Figur gemacht, heißt es.
Wegner räumte ein, dass er früher hätte sagen müssen, dass er am Samstag eben nicht den ganzen Tag mit den Folgen des Blackouts beschäftigt war, sondern zwischendurch seinem Hobby nachging. „Rückblickend hätte ich das am Sonntag sagen sollen“, sagte er am Mittwochabend (7. Januar) im rbb. Ausweichend erklärte er außerdem bei Welt TV, es hätte den Menschen in den vom Stromausfall betroffenen Gebieten nicht geholfen, wenn er bereits am Samstag vor Ort gewesen wäre. Er habe eine Stunde Sport gemacht, „um den Kopf freizukriegen“, rechtfertigte er sich, er glaube, das sei „okay“.
Es hagelt Kritik an Bürgermeister Wegner: Ausflug zum Tennis während Blackout „abwegig“
Aus den anderen Parteien hagelt es Kritik an Wegner: Der frühere Regierende Bürgermeister Berlins, Walter Momper, sagte der dpa: „Er hat die Dimension der ganzen Geschichte nicht erkannt.“ In Wegners Verhalten sieht er schwere Versäumnisse: „Er wusste ja, dass inzwischen für Tausende von Haushalten der Strom unterbrochen war, und ich nehme an, er wusste auch, wie lange das dauern würde. Und da hat er nicht angemessen reagiert.“ Der Ausflug zum Tennisplatz „erscheint mir schon ein bisschen abwegig gewesen zu sein.“ Besonders problematisch sei, dass er dies erst nicht zugegeben habe: „Das ist wohl eine Schutzbehauptung gewesen. Das ist schwerwiegend genug.“
SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach bezeichnete Wegners Verhalten als inakzeptabel und eines Regierenden Bürgermeisters unwürdig. Auch der Grünen-Fraktionschef Werner Graf meldete sich zu Wort. Wegner habe der Bevölkerung „in einer dunklen Stunde dieser Stadt“ nicht die Wahrheit gesagt. „Da muss man ganz klar sagen, dass die Berlinerinnen und Berliner zu Recht ganz andere Ansprüche an einen Regierenden Bürgermeister haben.“
Linken-Landeschef Maximilian Schirmer erklärte: „Wer lieber Tennis spielt, als in der größten Not bei den Menschen zu sein, sollte sich vielleicht überlegen, ob dieser Job noch der richtige für ihn ist.“ Die AfD fordert den Rücktritt des Bürgermeisters, genauso wie die nicht im Parlament vertretene FDP und dem BSW.
Tennis statt Krisenmanagement: Wegner droht Laschet-Moment – CDU in Umfragen bisher vorn
Im anstehenden Wahlkampf helfen wird Wegner die Tennis-Partie während des größten Blackouts in Berlin der Nachkriegsgeschichte sicherlich nicht. Neu gewählt wird das Berliner Abgeordnetenhaus im September 2026. Die CDU führt laut aktuellen Umfragen mit 22 Prozent vor der Linken mit 19 und der AfD und den Grünen mit 16 Prozent. Der Vorsprung könnte aber schnell dahinschmelzen. Ähnlich war es bei CDU-Kandidat Armin Laschet vor der Bundestagswahl 2021, als sein Lacher im Krisengebiet ganz Deutschland verwunderte. In Erinnerung ist auch noch Grünen-Familienministerin Anne Spiegel, die 2022 zurücktreten musste, weil sie zehn Tage nach der dramatischen Flut im Ahrtal in den Urlaub fuhr.
Andere Politiker konnten Krisen dagegen für sich nutzen: Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) watete im Wahlkampf 2002 tief erschüttert mit Gummistiefeln durch das Hochwassergebiet in Grimma, was seine Popularität damals sprunghaft steigen ließ. Sein Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) verpasste damals diese Chance. Profitieren von seinem entschlossenen Auftreten während einer Krise konnte auch Matthias Platzeck (SPD): 1997 wurde Platzeck bundesweit bekannt, als er sich als Umweltminister von Brandenburg, entschlossen und öffentlichkeitswirksam gegen die Oderflut stemmte – was ihm sogar den Titel „Deichgraf“ einbrachte. (Quellen: dpa, Spiegel, Tagesspiegel, rbb, SWR) (smu)