Pianist Wolfgang Leibnitz denkt mit 88 Jahren noch lange nicht ans Aufhören
Weßling – Als Kind saß Wolfgang Leibnitz in seiner Heimatstadt in Sachsen am Klavier und spielte in der elterlichen Gastwirtschaft beliebte Schlager wie „In der Nacht ist der Mensch nicht gern allein“. Das war der bescheidene Anfang einer Pianistenkarriere, die bis heute andauert: Erst im April dieses Jahres begeisterte der 88-Jährige sein Publikum im Maria-Magdalena-Haus mit einer nuancierten Darbietung von Werken von Joseph Haydn bis Felix Mendelssohn Bartholdy. „Musik ist mein Leben“, sagt der Weßlinger.
Geerbt hat Wolfgang Leibnitz das Talent von seinem Vater, der seinen eigenen Traum, Musiker zu werden, nie verwirklichen konnte, da er gezwungen war, die elterliche Gastwirtschaft zu übernehmen. Das Leben des Vaters nahm eine dramatische Wendung, als er kurz vor Kriegsende ausrief: „Hitler ist ein Verbrecher!“ Von einem Gast denunziert, landete er an der Front und kam erst Jahre später, körperlich und seelisch versehrt, aus einem russischen Kriegsgefangenenlager zurück, erzählt Leibnitz. Er selbst hatte nicht nur die musikalische Begabung vom Vater geerbt, sondern auch den Hang, das zu sagen, was gesagt werden muss. So platzte dem jüngsten Studenten in der Musikhochschule Leipzig angesichts der Unfähigkeit seines Professors und überzeugtem SED-Genossen der Kragen. „Ich habe kein Vertrauen zu Ihnen“, ließ er ihn unverblümt wissen – und wurde daraufhin in der DDR vom Hochschulstudium ausgeschlossen. Das wiederum erleichterte ihm die Entscheidung, 1956 mit gepackten Koffern sprichwörtlich die Seiten zu wechseln und sein Studium in Berlin-Charlottenburg mit der „künstlerischen Reifeprüfung“ abzuschließen.
Trotz seiner offenkundigen Begabung fand sich Leibnitz nach fünf Jahren Studium mit der Frage „weitermachen oder aufhören“ konfrontiert. Das Türklinkenputzen auf der Suche nach Auftritten „war mühsam und oft niederschmetternd“, erinnert sich der Pianist. Damals konnte man „mit Pianisten die Straßen pflastern“, wie ihm eine Agentur bescheinigte. Und wieder eilte ihm das Schicksal zu Hilfe, diesmal in Form seines späteren Mentors Claudio Arrau, der ihm einen ganz neuen Zugang zur Musik eröffnete. Von ihm lernte er, sich beim Spiel der Konzeption des Komponisten zu nähern, statt sie mit eigenen Interpretationen zu ergänzen. „Ich möchte das Werk darstellen und nicht als Selbstdarsteller auftreten“, betont Leibnitz.
Nebenbei verdiente er sich als Klavierlehrer etwas dazu – und lernte vor mehr als 50 Jahren seine Schülerin Eva von Rebay kennen, mit der er später viele glückliche Jahre verbrachte, erzählt er. Mit ihr nahm seine Karriere Fahrt auf: Die mittlerweile verstorbene Weßlingerin übernahm das Management und bewirkte steigende Engagements. Darunter fällt sein Auftritt in der Philharmonie im Gasteig, die er 1985 vor ausverkauftem Haus einweihte. Ebenso prägend war seine Begegnung mit Gerhard Polt 1998, mit dem er seither regelmäßig die Bühne teilt. Während der Kabarettist bissig das Zeitgeschehen ins Visier nimmt, „können sich die Zuhörer während Mozart-Variationen oder Ragtime von den bitterbösen Geschichten Polts erholen“, zitiert er eine Kritik.
Leibnitz hat in der Musikwelt seinen Fußabdruck hinterlassen: in den Erinnerungen seiner zahlreichen Zuhörer und Schüler, in den vielen Einspielungen im Bayerischen Rundfunk und in den neun von ihm veröffentlichten Alben. Sein Vermächtnis zeigt sich auch im Gautinger Günther-Klinge-Preis, den er 1983 entgegennahm.
Am Klavier sitzt er täglich. Erst kürzlich gab er mit seinem Sohn Alexander Leibnitz vierhändig am Klavier ein Konzert. Die Finger machen noch gut mit, sagt er. Aber der Blackout während eines Stücks von Franz Liszts Klaviersonate führte dem Mann, der alle Werke stets auswendig vortrug, sein Alter vor Augen. Sein Improvisationstalent bewahrte ihn vor einer Unterbrechung des Konzerts, um Noten zu holen. Seither steht seine Lebensgefährtin Brigitte Neumann mit den Notenblättern bereit. Im Falle eines Falles. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht, sagt der Pianist.
Zu sehen und zu hören ist Wolfgang Leibnitz am Freitag, 7. Juni, ab 19.30 Uhr im Rahmen des Kleinen Sommerfestivals in Gauting.
Michèle Kirner
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