Ein Tourist raste mit einem Einrad über einen Dolomiten-Gletscher. Forscher sind fassungslos über die neueste Bergtourismus-Eskapade.
München - Ein Tourist hat auf dem Marmolata-Gletscher in über 3000 Metern Höhe für Aufsehen gesorgt. Mit einem elektrischen Einrad kurvte er zwischen ahnungslosen Wanderern hindurch und filmte dabei seine waghalsige Abfahrt, wie antennarte.mediaordest.it berichtet. Die spektakuläre Szene blieb nicht unbemerkt. Forscher der Universität Padua, die gerade Messungen am Gletscher durchführten, hielten das ungewöhnliche Schauspiel mit der Kamera fest. In den Dolomiten kann es auch zu Felsrutschen kommen. Dann werden Wanderwege gesperrt.
Il Gazzettino berichtet, dass die Wissenschaftler zunächst ihren Augen nicht trauten. „Das hatten wir noch nie gesehen“, erklärte Professor Mauro Varotto vom Geografischen Museum der Universität Padua gegenüber Antenna Tre. Der Glaziologe war mit seinem Team für die jährliche Gletschermessung auf der „Königin der Dolomiten“ unterwegs, als der Einradfahrer auftauchte. Die Forscher sprachen mit dem Mann. Dieser habe versichert, ein Experte zu sein und alle nötigen Schutzausrüstungen zu tragen. Dennoch zeigt sich der Professor besorgt über die Entwicklung des Bergtourismus.
Aktion löst Sorge in Italien aus – Marmolata wird zum „Vergnügungspark“
„Es mag überraschend sein, solche ‚außergewöhnlichen‘ Szenen an einem Ort wie den Bergen zu sehen, aber inzwischen hat sich das Verhältnis zwischen Mensch und Natur verändert und auch die Marmolata ist zu einem großen Vergnügungspark geworden“, kritisiert Varotto laut Il Gazzettino. Viele Besucher würden extreme Aktionen nur durchführen, um Adrenalin zu spüren und Videos für soziale Medien zu produzieren.
Das Video der ungewöhnlichen Abfahrt verbreitete sich innerhalb weniger Stunden viral und entfachte eine heftige Diskussion in den sozialen Netzwerken, heißt es weiter. Während einige die Aktion als neue Form des Extremsports feiern, sehen Experten darin ein Symbol für den problematischen Umgang mit der sensiblen Bergwelt. Varotto kritisierte zudem, dass manche Touristen ihre Bergwanderungen in Flip-Flops versuchen zu absolvieren, berichtet antennarte.mediaordest.it.
Während der Tourismus in den Bergen offenbar zunimmt, dokumentieren die Forscher den dramatischen Rückgang des Gletschers. Die aktuellen Messungen zeigen einen Rückzug von sieben Metern binnen eines Jahres. Bei gleichbleibendem Trend könnte der Marmolata-Gletscher bis 2040 nahezu verschwunden sein, heißt es bei ansa.it. In Deutschland überschätzen sich viele Wanderer, wenn sie zur Zugspitze wollen.
Varotto stellt zudem die Prioritäten in Frage und wünscht sich mehr Fokus auf die akute Situation in den Gletschern. Während spektakuläre Aktionen wie die Einradfahrt für Schlagzeilen sorgen, bleibe der bedrohliche Zustand der Gletscher oft unbeachtet. Die Aufmerksamkeit gelte mehr den Social-Media-tauglichen Eskapaden als den tatsächlichen Problemen der Bergwelt, heißt es. (Quellen: antennatre.mediaordest.it, antenna.it, Il Gazzettino, ansa.it) (lu)