Alles, was älter als 30 Jahre ist, wird für Archivare erst interessant. Die Gemeinde Andechs beschäftigt seit eineinhalb Jahren einen Archivar. Am Dienstag stellte Christoph Aschermann seine Arbeit dem Gemeinderat vor.
Andechs – Es ist vielen Archiven gemein, dass sie in einem Keller oder in einem Speicher untergebracht sind. Das ist in Andechs nicht anders. Christoph Aschermann betreut das Archiv der Gemeinde „unterhalb der Carl-Orff-Schule“, wie er sagt. Seit eineinhalb Jahren organisiert und ordnet der studierte Archivar sechs Stunden die Woche alte Fotografien, Daten und Schriftstücke aus den drei Ortsteilen der Klostergemeinde. Im Hauptberuf arbeitet Aschermann im Starnberger Stadtarchiv. Dem Gemeinderat berichtete er am Dienstag, dass er sehr erfreut war, als er in Andechs anfing, weil er eine „sehr geeignete Schriftgutverwaltung“ vorfand. Dies sei nicht immer so, eher herrschten „chaotische Zustände“.
Das Ratsgremium kam in den Genuss gleich mehrerer Vokabeln aus der Archivar-Sprache, lernte den Unterschied zwischen Verwaltungs- und Archivgut. Entscheidend dabei ist das Alter, denn alles, was älter als 30 Jahre ist, ist Archivgut und damit interessant für den Archivar. Und ein „Faust“ der Archivare hat nichts mit Goethe zu tun, sondern ist eine Such-Software wie Google, nur dass sie allein von Archivaren mit „Verzeichnungseinheiten“ eingepflegt und verschlagwortet wird. Was in „Faust“ auftauche, sei zitierfähig, versicherte Aschermann, also auch für wissenschaftliche Arbeiten verwertbar.
„Wir haben noch Lücken in unseren Dörfern“, sagte Bürgermeister Georg Scheitz und rief deshalb gemeinsam mit Aschermann dazu auf, Unterlagen, Bilder, Postkarten, Fundstücke oder Schriftstücke aus alten Zeiten im Archiv abzugeben. „Aber bitte schicken Sie mir niemanden, der Skulpturen oder alte Trinkgefäße bringt, das ist eher etwas fürs Museum“, ergänzte Aschermann. Insgesamt klaffe noch eine Lücke die beiden Weltkriege betreffend. Im Archiv gebe es zumindest aus Erling einiges von vor und nach den Kriegen, aber nicht aus der Zeit der Kriege. „Erst ab 1945 wird es mehr. Aus dem Nationalsozialismus gibt es nur wenige Bauzeichnungen.“ Die ältesten Unterlagen stammten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Im Speicher liegt noch einiges
Der Archivar räumte allerdings ein, dass noch nicht der komplette Rathaus-Speicher durchgearbeitet sei, in dem sich noch einige Aufzeichnungen befänden. Er würde sich über Schriftstücke und/oder Fotografien sehr freuen. „Es muss noch was da sein“, ist sich Aschermann sicher. Scheitz versichert, dass Dokumente auch vertraulich behandelt werden.
Der Bürgermeister freute sich, dass die Andechser Geschichte dank Aschermann abrufbar werde. „Da ist ein Profi am Werk.“ 45 Anfragen habe es bereits gegeben, seit Aschermann für die Gemeinde arbeite. 1450 Verzeichnungseinheiten habe er vorgefunden, als er angefangen habe. Seitdem seien 170 dazu gekommen. Hochgerechnet werde der Raum unter der Schule noch für fünf Jahre ausreichen.
Auf Nachfrage von Christian Pfänder (Bayernpartei) sagte Aschermann, dass eine Digitalisierung des Archivs in Bayern noch unbezahlbar sei. Während Archive in Baden-Württemberg für 300 Euro im Monat auf ein gemeinsames digitales Archiv zugreifen könnten, koste es in Bayern 20 000 Euro im Jahr. „Das können sich Städte wie Ingolstadt oder Nürnberg leisten, aber nicht kleine Gemeinden.“
Aschermann lud die Gemeinderäte ein, ihn im Archiv unter der Schule zu besuchen. Dies stehe auch jedem Bürger bei Interesse und Nachfragen nach Terminvereinbarung im Rathaus frei.