„Das ist so dermaßen am Leben vorbei“
Auf die von Lauterbach angekündigten Präventionsmaßnahmen angesprochen, wird Rösl im Gespräch zunächst still, muss sich sammeln. „Das ist so dermaßen am Leben vorbei“, sagt er schließlich. „Also ehrlich gesagt muss ich grad ein bisschen weinen. Weil ich da die Leute im Kopf habe, denen es gerade so geht. Das schockt mich etwas. Wenn ich darüber nachdenke, aus Patientensicht.“
Das Problem sei, dass die Menschen, die sich die Maßnahmen ausgedacht haben, vermutlich keine Ahnung hätten, was in einem Menschen vorgeht, der nicht mehr leben will. „Ich glaube nicht, dass da Berater hinzugezogen werden, die vielleicht selbst schon einmal Suizidgedanken hatten. Und die eine Vorstellung davon haben, was wirklich sinnvoll sein könnte“, meint Rösl.
Wenn sich die Suizidraten seit 20 Jahren nicht verbessert haben, dann müsse einmal grundlegend über die Herangehensweise nachgedacht werden. „Dann muss man mal über den Tellerrand schauen“, sagt der Coach. In der Vergangenheit sei nur von oben herab und von Theoretiker zu Theoretiker diskutiert worden. Ein echter Bezug zu den betroffenen Menschen fehle bislang.
Zwar freut er sich, dass der Gesundheitsminister das Thema angehen will – allerdings hält Rösl insbesondere die von Lauterbach erdachten „methodenbegrenzenden“ Maßnahmen für wenig sinnvoll. Zäune an bestimmten Brücken oder Bahnübergängen aufzubauen, könne aus seiner Sicht kaum den gewünschten Effekt bringen.
„Der Mensch ist kreativ und sucht sich im Zweifel eine andere Lösung“
„Dann läuft ein Mensch, der wirklich Suizid begehen will, eben 300 Meter weiter. Oder er bringt sich eine Leiter mit. Das ist schon fast eine Beleidigung unserer Intelligenz, zu glauben, dass man damit irgendjemanden aufhalten kann, der einen Entschluss gefasst hat.“
Wer beschlossen habe, sein Leben zu beenden, der werde eben neue Wege suchen, meint Rösl. „Der Mensch ist kreativ und sucht sich im Zweifel eine andere Lösung.“
Deshalb kann er auch dem Vorschlag, die Packungsgrößen bestimmter Medikamente zu verkleinern, nichts abgewinnen. „Kleinere Packungsgrößen? Na dann fang ich halt an und sammle die kleinen Packungen. Und ich kann Ihnen ganz sicher sagen, das machen Betroffene genau so.“
Auch die Idee, einer bundesweit einheitlichen Notfall-Rufnummer überzeugt den Unternehmer nicht. „Es gibt zwei Szenarien bei Suiziden. Im ersten Fall ist der Betroffene ruhig, hat einen Plan und will den auch umsetzen. In dem Fall wählt niemand eine Notrufnummer. Hier spricht man von aktiven Suizidgedanken: Die Betroffenen handeln tatsächlich. Wenn ich passive Suizidgedanken habe, komme ich in eine Krise, weil diese Gedanken mich übermannen. Ich kenne das selbst gut. Die Betroffenen sind wie gelähmt. Und dann sollen sie auf die Idee kommen, diese Nummer zu wählen?“
Eine Aufklärungskampagne, die wirklich ankommt
Zumindest in einem Punkt stimmt Rösl dem Gesundheitsminister teilweise zu:
„Was wir wirklich brauchen, ist eine Aufklärungskampagne – aber eine, die auch wirkt. Die muss von jemandem kommen, der selbst betroffen war. Die Wissenschaft und ihre weißen Kittel sind aus meiner Sicht am Ende beim Erreichen des Patienten. Die Menschen brauchen jemanden, mit dem sie sich identifizieren können. Über den sie sagen: ‚Der hat es ja auch durchgemacht. Wenn der das sagt, dann muss es ja stimmen.‘“
Doch was würde Georg Rösl selbst tun, wenn ihm die nötigen Mittel und Wege zur Verfügung stünden?
„Ein großes Problem in Deutschland ist ja, dass viele Menschen, die von Depressionen betroffen sind, sehr lange auf einen Therapieplatz warten müssen. Es gibt einfach zu wenig Therapeutinnen und Therapeuten. Eine gute und vor allem schnelle Zwischenlösung könnte es deshalb sein, wenn man die praktizierenden Psychologinnen und Psychologen dazu verpflichtet, an ein oder zwei Tagen pro Woche Gruppentherapien anzubieten.“
Gruppentherapie könne genauso wirksam sein wie Einzeltherapie – diese Erkenntnis habe ihn selbst überrascht. Die Information bekam Rösl von Thomas Kraus, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der Frankenalb-Klinik Engelthal, in der er selbst wegen Suizidgedanken in Behandlung war.
Eine Anlaufstelle nach Vorbild der Anonymen Alkoholiker
„Das eigentliche Problem, das wir haben, ist dass die Menschen mit psychischen Problemen in unserem Land im Alltag isoliert sind. Wenn wir Glück haben, sind wir 50 Minuten pro Woche beim Therapeuten – und in der restlichen Zeit sind wir auf uns allein gestellt. Es gibt keinen Schutzraum und wir ziehen uns zurück. Gerade Suizidgedanken sind noch mal ein ganz anderes Level. Der Rückzug ist hier umso größer.“
Rösl schlägt daher vor, dem etwas entgegenzusetzen. Seine Idee: In jedem Bundesland mindestens eine Stelle einrichten, die mehrmals pro Woche geöffnet ist, und wo Menschen über Suizidgedanken sprechen können. Ein Ort, an dem sie mit anderen Betroffene in Kontakt kommen können und an dem es gut ausgebildetes Personal gibt, das die Gruppen leitet. „Ich kann mir das so ähnlich vorstellen wie das Konzept der Anonymen Alkoholiker. Jeder weiß, dass es sie gibt. In jeder größeren Stadt gibt es Gruppen. In diese Richtung sollten wir denken.“
Eine Gemeinschaft gegen die Einsamkeit
Klar ist für Georg Rösl, dass das Tabu rund um Suizid gebrochen werden muss, um endlich etwas zu ändern. Die Gesellschaft sei über psychische Erkrankungen und Suizidalität viel zu wenig aufgeklärt. Eine tiefgreifende Aufklärung in Alltag und Beruf sei nötig, damit sich der Umgang mit Menschen, die unter psychischen Erkrankungen leiden, deutlich verbessert und Betroffene auch offen darüber sprechen können, ohne dass sie für verrückt gehalten werden.
„Wir müssen reden. Und uns öffnen für das Thema. Gruppentherapien und ein offener Austausch sind Ansatzhebel. Weil man Masse abfedern kann und gleichzeitig eine Gemeinschaft gebildet wird, sodass die Leute sich nicht zurückziehen und in Einsamkeit verfallen. Natürlich gibt es da auch Hürden, man muss die Leute ja da hin bekommen. Deshalb wäre es so wichtig, eine Aufklärungskampagne zu starten, mit einer Person, die die Leute wirklich reinzieht.“