„Hat den Schuss nicht gehört“: Grüner Verkehrsminister irritiert mit Aussage zu Mercedes-Benz

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Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann irritiert mit einer Aussage zu den geplanten Verlagerungen bei Mercedes-Benz. Die Reaktionen sind deutlich.

Stuttgart - Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hat bereits in der Vergangenheit nicht mit deutlicher Kritik am Stuttgarter Autokonzern Mercedes-Benz gespart. Mercedes würde nur noch Autos für „Scheichs und die Reichen“ bauen, kritisierte der Minister beispielsweise nach der Verkündung der erweiterten Luxusstrategie des schwäbischen Weltkonzerns. Diese Strategie ist inzwischen stark an ihre Grenzen gestoßen und auch sonst hat der älteste Autobauer der Welt massiv zu kämpfen. Insider sprechen bereits von bis zu 20.000 Arbeitsplätzen, die bei Mercedes-Benz zur Disposition stehen könnten.

Zudem will Mercedes-Benz verstärkt auf Ungarn, statt auf Deutschland setzen. Finanzchef Harald Wilhelm hatte Ende Februar in Sindelfingen (Baden-Württemberg) erklärt, dass in Deutschland in den kommenden drei Jahren rund 100.000 Autos weniger vom Band laufen sollen, während das Werk im ungarischen Kecskemét die Produktionszahlen auf 200.000 Einheiten erhöhen soll. Im baden-württembergischen Verkehrsministerium wurde diese Nachricht offenbar nicht mit allzu großer Sorge aufgenommen, wie Aussagen von Verkehrsminister Hermann zeigen.

Mercedes-Verlagerungspläne schmerzen Minister nicht - Kritik von FDP: „Hat den Schuss nicht gehört“

Winfried Hermann, der sich im Ländle seit langem stark für den Ausbau des Radnetzes und des öffentlichen Nahverkehrs einsetzt, kann einer Verlagerung der Mercedes-Produktion ins europäische Ausland nichts Schlechtes abgewinnen. „Wir sind ein Verbund“, daher schmerze ihn die Verlagerung nicht, sagte der Politiker der Stuttgarter Zeitung (StZ). Entscheidend sei aber, dass die zentralen Einheiten des Weltkonzerns, wie die Forschung, Entwicklung sowie die Konzernzentrale in Baden-Württemberg bleiben. Auch, dass durch die Produktionserweiterung in Ungarn direkt der rechtsnationale Ministerpräsident Viktor Orbán profitiert, sieht der Verkehrsminister nicht als Problem an.

Name Mercedes-Benz Group AG
Gründung 17. November 1998 (Vorgängerunternehmen gehen bis ins Jahr 1883 zurück)
Hauptsitz Stuttgart, Baden-Württemberg
Branche Automobilindustrie, Finanzdienstleistungen
Produkte Premium-Automodelle, Vans, Finanzdienstleistungen
Leitung Ola Källenius (Vorstandsvorsitzender)
Mitarbeiter 175.000 (Ende 2024)
Umsatz 145,6 Milliarden Euro (2024)

Dadurch, dass Mercedes-Benz die Produktion im Ausland erweitert und in Deutschland reduziert, stehen aber auch viele Arbeitsplätze und dadurch Existenzen auf dem Spiel. „Minister Hermann hat den Schuss nicht gehört“, machte der verkehrspolitische Sprecher der FDP/DVP-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg, Christian Jung, in einer Stellungnahme deutlich. Die Ungarn-Verlagerung würde zeigen, dass Baden-Württemberg massive Standortprobleme habe. „Dies führt leider dazu, dass qualifizierte Arbeitsplätze ins Ausland abwandern“, so Jung. „Das kann doch hier niemand kaltlassen.“

Südwest-SPD wirft Hermann und der Landesregierung vor, „den Abbau von Jobs“ zu begrüßen

Deutliche Kritik an den Aussagen von Landesverkehrsminister Hermann kommt auch von der SPD. „Die Aussagen des grünen Verkehrsministers sind ein Schlag ins Gesicht der hart arbeitenden Menschen in der Automobil-Industrie, die sich um ihre Arbeitsplätze sorgen“, erklärte Boris Weirauch, der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion in einer Pressemitteilung. „Beschäftigte, Betriebsräte und Gewerkschaften kämpfen jeden Tag für sichere Jobs in der Industrie. Dabei sollten sie auf die Landesregierung zählen können.“ Die grün-schwarze Regierung würde ihnen aber die kalte Schulter zeigen.

Die Ungarn-Pläne von Mercedes-Benz sieht Verkehrsminister Hermann nicht als Problem. Das trifft auf deutliche Kritik. © Bernd Weißbrod/Philipp von Ditfurth/dpa

Weirauch geht in seiner Stellungnahme sogar noch ein ganzes Stück weiter und erklärt, dass die Landesregierung den Mitarbeitern von Mercedes-Benz und Co. in den Rücken fallen würde, „indem sie den Abbau von Jobs im Land begrüßt und damit von höchster Stelle Verlagerungen ins Ausland auch noch einen Freibrief erteilt.“ Der Autobauer mit Stern ist allerdings beileibe nicht das einzige Unternehmen, das Verlagerungen ins Ausland plant. Der Technologiekonzern Liebherr hat beispielsweise jüngst eine Teilverlagerung von einem deutschen Standort nach Bulgarien angekündigt.

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