Nach einem millionenschweren Fehlkauf schien eine Lösung gefunden. Doch auch der neue Bebauungsplan sorgt für Kritik – vom Bund Naturschutz.
Regensburg – Es war ein Grundstücksgeschäft, das für Kopfschütteln, Spott und Ärger sorgte – in sozialen Medien teils als „Fail des Jahres“ verspottet. Wie das Online-Portal regensburg-digital im Juli 2025 enthüllte, kaufte die Stadt Regensburg am Hollerweg in Keilberg 2,3 Hektar vermeintliches Bauland.
Doch die Fläche entpuppte sich als streng geschütztes Biotop: Sandmagerrasen, dessen Entstehung Jahrzehnte, oft ein Jahrhundert dauert. Der kolportierte Kaufpreis: rund sechs Millionen Euro. Fachleute hatten die Fläche vor dem Kauf nicht geprüft. Erst nach einiger Zeit räumte die Stadt den Fehlkauf ein und entschuldigte sich halbherzig. Den finanziellen Schaden spielt sie bis heute herunter oder nennt ihn gar nicht.
Reaktion auf Biotop: Neuer Bebauungsplan kam im November
Im November legte das Planungsamt einen überarbeiteten Bebauungsplan für den Hollerweg (Bebauungsplan 287) vor, der auch das Biotop umfasst. Der Stadtrat stimmte dem Plan mehrheitlich zu, nur die ÖDP lehnte ihn ab. Statt Wohnungen für 400 Menschen sollen nun 325 entstehen.
Der Bund Naturschutz (BN) kritisiert den Plan scharf. In seiner Stellungnahme zur frühzeitigen Beteiligung betont er die Bedeutung des Biotops und warnt vor dessen schleichender Zerstörung, sollte die Bebauung wie geplant umgesetzt werden.
Bund Naturschutz: „Biotop ist kein Hindernis, sondern Grund für Stolz“
Das Biotop sei einzigartig, so der BN. Auf dem Gemeindegebiet einer Großstadt fänden sich hier sowohl Kalk- als auch Sandmagerrasen – zwei Biotoptypen, die sich normalerweise ausschließen.
„Diese Besonderheit sollte eigentlich Stolz bei Politik und Zivilgesellschaft wecken“, heißt es in der Stellungnahme. Stattdessen werde die Fläche reflexartig als Hindernis für eine angeblich unverzichtbare Bebauung betrachtet.
Bebauung und Freizeitdruck bedrohen das Biotop
Die BN-Vorstände Raimund Schoberer und Albrecht Muscholl-Silberhorn sehen die geplante Bebauung als große Gefahr. Laut Entwurf wird das Biotop von allen Seiten durch Wohnhäuser, Straßen und Wege eingeschlossen. „Es ist naiv zu glauben, dass der Magerrasen davon unberührt bleibt“, warnt der BN.
Der größte Feind sei ein erhöhter Stickstoffeintrag, etwa durch Verkehr und Heizen. Hinzu komme der Druck durch die wachsende Bevölkerung. Der nährstoffarme Sandmagerrasen lade zum Grillen, Picknicken und Bolzen ein. „Dabei wird die Vegetation zertreten, Trampelpfade entstehen, Essensreste und Hundekot reichern den Boden mit Nährstoffen an.“ Bund Naturschutz mit düsterer Prognose
Verbotsschilder oder Zäune könnten das zwar verhindern, doch der BN gibt zu bedenken: „Der Naturschutz würde dann als ‚Buhmann‘ dastehen, obwohl Ursache und Wirkung vertauscht werden.“ Solche Maßnahmen seien zudem schwer durchsetzbar. Die düstere Prognose: „Die geplante Bebauung wird das wertvolle Biotop dauerhaft zerstören. “
Auswirkungen auf Stadtklima ignoriert?
Der BN kritisiert auch, dass die Folgen der Bebauung für Frischluftzufuhr und Stadtklima nicht untersucht wurden – trotz mehrfacher Ankündigungen. Ein Beispiel für solche Versäumnisse ist das Bauprojekt „Quartier West“ im Stadtwesten. Dort soll ein kleines Wäldchen weichen, das laut städtischem Klimagutachten ein „lokal wichtiger thermischer Ausgleichspunkt“ ist. Das Gutachten empfiehlt ausdrücklich, an der Ecke Lilienthalstraße/Hermann-Köhl-Straße nicht weiter zu bauen.
Doch im Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan von 2021 fehlt jeder Hinweis darauf. Die Verwaltung erklärte später, das Gutachten sei ein „internes Dokument“. Der BN fragt daher: „Führen Ankündigungen von Klimauntersuchungen in Regensburg jemals zu praktischen Konsequenzen – oder nur zu Unbedenklichkeitsbescheinigungen?“
„Das wirkt wie Gentrifizierung.“
Der Bebauungsplan für den Hollerweg sieht 40 Prozent geförderten Wohnraum vor. Das sei zwar grundsätzlich positiv, so der BN, wirke hier aber „deplatziert“. Es sei wahrscheinlich, dass finanziell schwächere Regensburger aus der Stadt verdrängt würden, wo bezahlbarer Wohnraum seit Jahrzehnten knapp ist. „Das wirkt wie ein Beitrag zur Gentrifizierung.“
Der Gewinn an Wohnraum stehe in keinem Verhältnis zum Verlust des Biotops. Effizienter und sozial verträglicher wäre es, versiegelte Flächen in der Innenstadt umzuwidmen – etwa Großparkplätze zu überbauen oder Leerstände zu nutzen.
Stadt muss Stellung nehmen
Der BN fordert, den Bebauungsplan 287 grundsätzlich zu überdenken – nicht das „Wie“, sondern das „Ob“. Seine Stellungnahme ist Teil der frühzeitigen Beteiligung von Behörden und Trägern öffentlicher Belange. Die Stadt wird darauf im weiteren Verfahren reagieren. Dass das Vorhaben gestoppt wird, gilt jedoch als unwahrscheinlich.