Aufnahme „verwirrend“ – Funk-Protokoll von Zugunglück in Spanien führt Experten zu neuer Theorie

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Bei 200 km/h in dunkler Nacht. Fachleute gehen davon aus, dass der Lokführer beim Zugunglück in Spanien nicht mitbekam, was in den hinteren Waggons passierte.

Adamuz – Fachleute für Eisenbahnsicherheit analysieren die Audioaufnahmen des schweren Zugunglücks in Spanien und kommen zu einem klaren Schluss: Das Verhalten des Lokführers war völlig normal.

Beim Zugunglück in Spanien starben mehr als 40 Menschen, über 100 wurden verletzt.
Beim Zugunglück in Spanien starben mehr als 40 Menschen, über 100 wurden verletzt. © Manu Fernandez/picture alliance/dpa/AP

„Es ist durchaus denkbar, dass der Lokführer nicht bemerkt hat, was hinten passierte“, erklärt Joan Carles Salmerón, Direktor des Verkehrsstudienzentrums Terminus, der Zeitung Cordopolis. Der Eisenbahnexperte hat die Funksprüche zwischen dem Iryo-Lokführer und der Kontrollzentrale in Madrid analysiert.

Lokführer und Fahrgäste bemerkten Zusammenstoß bei Adamuz offenbar nicht

Der Lokführer bemerkte den Unfall erst, als die Stromversorgung ausfiel. „Wahrscheinlich hat der Lokführer akustisch nichts gehört“, betont Salmerón. Der Stromabnehmer verlor den Kontakt zur Oberleitung – das ist etwas, was sofort auffällt.

In der ersten Meldung an die Zentrale berichtete der Lokführer laut Funk-Protokoll: „Ich habe gerade einen Ruck auf der Höhe von Adamuz erlitten.“ Von einer Kollision mit dem Alvia-Zug wusste er offenbar nichts.

Berichte von Passagieren in den vorderen Waggons bestätigen die Vermutung. „Selbst wir haben nichts von dem Zusammenstoß mit dem Alvia mitbekommen“, berichtet ein Fahrgast, der im fünften Waggon saß, bei X. Ein anderer Passagier aus Waggon fünf beschreibt: „Es war kein Zusammenstoß, sondern ein Streifen“. Als sie ausstiegen, war der völlig zerstörte Alvia-Zug etwa 700 Meter entfernt und nicht zu sehen.

„Lokführer hat den Alvia-Zug gar nicht gesehen“: Funk-Protokoll von Spanien-Unglück belegt Theorie

„Der Lokführer des Iryo-Zuges hat den Alvia-Zug gar nicht gesehen, weil er fast einen Kilometer entfernt war und es stockdunkel war“, stellt auch Verkehrsminister Óscar Puente hervor. „Ich verstehe, dass die Tonaufnahme verwirrend ist, aber wir haben den Aufprallpunkt eindeutig ermittelt.“ Die neue Erkenntniss: „Wir kennen den Zeitraum zwischen der Entgleisung und dem Aufprall. Zuerst war von 20 Sekunden die Rede, jetzt scheint es, dass der Aufprall fast gleichzeitig, also weniger als 9 Sekunden, erfolgte“ Das Funk-Protokoll belege, dass der Lokführer erst nach dem Aussteigen bemerkte, dass er mit einem anderen Zug kollidiert sei.

Eisenbahnexperte Salmerón lobt das Verhalten des Lokführers: „Es passieren viele Dinge in wenigen Sekunden und der Lokführer bleibt ruhig. Das zeigt Professionalität“. Bei Unfällen dieser Größenordnung sei es leicht, die Nerven zu verlieren. Der Mann hatte 300 Menschen hinter sich und trug die Verantwortung.

Ignacio Barrón, Präsident der Eisenbahnunfall-Untersuchungskommission CIAF, bestätigt: Es sei relativ normal, dass die Iryo-Passagiere den Aufprall des Alvia-Zuges nicht bemerkten. Die ersten Waggons seien nicht betroffen gewesen.

Ermittlungen nach Zugunglück nehmen neue Ursache in den Fokus – „Problem, das wir noch nie erlebt haben“

Die Untersuchung konzentriert sich inzwischen auf Spuren an den Rädern der ersten fünf Waggons des Iryo-Zuges. Puente spricht von einem Millimeter dicken und mehrere Zentimeter breiten Kerben in den Fahrwerken. Ähnliche Spuren wurden laut ersten Untersuchungen auch an anderen Zügen gefunden, die den Streckenabschnitt befahren hatten.

„Wir stehen vor einem Problem, das wir noch nie erlebt haben“, räumt Puente auf einer Pressekonferenz am Mittwoch (21. Januar) ein. Der Unfall sei weder durch mangelnde Wartung, noch veraltete Anlagen oder fehlende Kontrollen verursacht worden. Der Ursprung der Kerben in den Fahrwerken sei aber „der Kern der Sache“.

Die Untersuchung dauert an. Noch immer rätseln die Experten über die genaue Unfallursache bei dem schwersten Zugunglück Spaniens seit 2013. (Verwendete Quellen: Cordopolis, rtve, dpa, afp) (moe)