„Gaza brennt“: Israel startet Einnahme von Gaza-Stadt – Hamas reagiert mit perfider Geisel-Taktik
Die israelische Armee startet eine neue Bodenoffensive in Gaza-Stadt. In der Nacht kam es zu heftigem Bombardement auf den Gazastreifen.
Gaza – Die israelischen Streitkräfte haben ihre Attacken auf Gaza-Stadt in der Nacht zu Dienstag (16. September) erheblich intensiviert. Kampfjets führten nach Angaben der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa während der Nachtstunden fast pausenlos schwere Angriffe auf die nördlich im Gazastreifen liegende Stadt aus, unterstützt von Artilleriebeschuss. Israels Verteidigungsminister Israel Katz verkündete am frühen Dienstagmorgen: „Gaza brennt“. Die Streitkräfte Israels würden „mit eiserner Faust“ gegen „terroristische Infrastruktur“ in dem Küstengebiet vorgehen.
Nicht verifizierte Berichte palästinensischer Medien lassen vermuten, dass israelische Panzer in die Stadt vorgerückt sind. Das amerikanische Nachrichtenportal Axios berief sich auf israelische Regierungsvertreter, die von dem Beginn der Bodenoffensive sprachen. Eine formelle Bestätigung der israelischen Armee stand zunächst aus. Das israelische Nachrichtenportal Walla meldete unter Verweis auf einen Angehörigen des Militärgeneralstabs: „Eine intensive Operation hat begonnen, die vielfältiges Feuer gegen zahlreiche Terrorziele umfasst“. Der Vertreter ergänzte, das sei „erst der Anfang“.
Geiseln der Hamas in Gaza-Stadt werden als menschliche Schutzschilde missbraucht
Die Vereinigung der Familien der von der Hamas gefangen gehaltenen Geiseln drückte angesichts der Meldungen über den begonnenen Einmarsch in Gaza-Stadt große Sorge aus. In einer Stellungnahme stand: „Nach 710 Nächten in der Gewalt von Terroristen könnte heute Nacht die letzte Nacht für die Geiseln sein“. Die Familien beschuldigen Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu, die Gefangenen „aus politischen Erwägungen zu opfern“.
Israelische Medien berichteten unter Berufung auf palästinensische Quellen, die Hamas habe Geiseln aus unterirdischen Tunneln geholt und in Häuser und Zelte in der Stadt gebracht, um die israelische Armee an Einsätzen in bestimmten Gebieten zu hindern. Die Mutter eines verschleppten Mannes sagte Medien zufolge, ihr Sohn werde in Gaza als menschlicher Schutzschild missbraucht.
Netanjahus Gaza-Bodenoffensive: Hamas-Geiseln in Gefahr – „Das ist doch alles verrückt“
Diese Einschätzung teilte auch Hezi Nehama, ein ehemaliger Brigade-Kommandeur der israelischen Armee. Gleichzeitig kritisierte er Netanjahus Plan scharf, Gaza-Stadt einzunehmen. „Es ist sehr gefährlich. Die Hamas versteckt sich innerhalb der Bevölkerung. Sie lässt sie nicht gehen und benutzt sie als menschliche Schutzschilde.“ Die israelische Armee hab noch nie zuvor in einem so dicht besiedelten Gebiet gekämpft, erklärte Nehama tagesschau.de. „Das ist doch alles verrückt. Ich denke, es ist ein Fehler“, erklärt er.
Im Gazastreifen befinden sich noch 48 Geiseln, von denen nach israelischen Informationen noch 20 am Leben sind. Viele von ihnen befänden sich jetzt in der Stadt Gaza, hieß es in der Erklärung des Forums der Angehörigen. Ministerpräsident Netanjahu trage die persönliche Verantwortung für das Schicksal der Geiseln. „Das israelische Volk wird die Opferung der Geiseln und Soldaten nicht verzeihen“, hieß es weiter.
Gaza-Krieg: Israel ruft die Menschen in Gaza auf, die Stadt zu evakuieren
Die Verschärfung der Kampfhandlungen wirkt sich schwerwiegend auf die Zivilisten aus. Die israelischen Streitkräfte hatten zuvor sämtliche der etwa eine Million Einwohner Gaza-Stadts dazu aufgefordert, sich in die als humanitäre Zonen bezeichneten Gebiete weiter im Süden zu begeben. Israelischen wie palästinensischen Quellen zufolge haben bereits über 300.000 Menschen Gaza verlassen. Die Massenflucht und die andauernden Gefechte verstärken die bereits schwierige humanitäre Lage in dem dicht bewohnten Territorium.
Ein Zeuge berichtete der Nachrichtenagentur AFP am Dienstagmorgen: „Es gibt schwere, unerbittliche Bombardierungen auf die Stadt Gaza und die Gefahr nimmt weiter zu.“ Wohngebäude seien vernichtet worden, Einwohner lägen unter den Trümmern begraben. Der Sprecher der von der islamistischen Hamas gelenkten Zivilschutzorganisation teilte mit, die Attacken hielten an. Die Anzahl der Todesopfer und Verwundeten nehme zu.
Trump und USA befürworten militärischen Einsatz Israels im Gazastreifen
Der amerikanische Außenminister Marco Rubio brachte während seines Israel-Besuchs Skepsis darüber zum Ausdruck, ob der Gaza-Konflikt durch Diplomatie beendet werden könne. „Wenn es also nicht auf diese Weise endet, dann muss es durch einen militärischen Einsatz beendet werden“, erklärte er gegenüber dem amerikanischen Fernsehsender Fox News. Rubio ergänzte, dass Israel selbst diese Lösung nicht vorziehe.
Die Lage wird durch interne politische Konflikte in Israel weiter erschwert. Netanjahus rechtsradikale Bündnispartner, von denen seine politische Existenz abhängt, lehnen einen Waffenstillstand ab. Das bringt den Regierungschef unter Zugzwang, einen kompromisslosen Kurs gegen die Hamas zu fahren, ungeachtet internationaler Forderungen nach Zurückhaltung und Zivilschutz.
Die Verschärfung der Kampfhandlungen in Gaza-Stadt könnte einen Wendepunkt in dem Konflikt darstellen. Eine umfassende Bodenoperation könnte zu einem erheblichen Anstieg der Opferzahlen führen und die humanitäre Notlage in Gaza zusätzlich verschlimmern. (Quellen: Wafa, Walla, AFP, dpa, Axios, Fox News, tagesschau.de) (sischr)