50.000 Euro „durchaus ausreichend“: Bistum Regensburg verweigert Güteverfahren mit Missbrauchsopfer

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Im Millionenprozess wegen Gewalt und sexuellen Missbrauchs lehnt das Bistum ein Güteverfahren ab. Man verfüge „über keine unerschöpflichen Mittel“.

Regensburg - Auch wenn das Geschäftsjahr 2023 für die Diözese Regensburg aufgrund leicht gesunkener Kirchensteuereinnahmen etwas schlechter ausfiel als 2022, erscheint es fast als Untertreibung, die finanzielle Situation des Bistums im Jahresabschluss nur als „solide“ zu bezeichnen. Ein Jahresplus von fast 11,5 Millionen Euro, ein Nettovermögen von rund 135 Millionen und ein Eigenkapital, das mit rund 963 Millionen Euro bald an der Milliardengrenze kratzt, sprechen eine deutliche Sprache.

Bistum Regensburg bejammert Finanzsituation - trotz fast 85 Millionen liquider Mittel

Der „Konzern“ Diözese Regensburg weist in dem veröffentlichten Abschluss eine Bilanzsumme von 1,7 Milliarden Euro aus und verfügte im Geschäftsjahr 2023 über 84,5 Millionen Euro liquide Mittel. Diese Zahlen sollte man im Hinterkopf behalten, bevor man erfährt, dass das Bistum ein Güteverfahren mit einem Opfer von Gewalt und Missbrauch ablehnt, weil man „über keine unerschöpflichen Mittel“ verfüge.

Matthias Podszus als kleiner Junge. In Pielenhofen durchlitt er ein Martyrium. © Aigner/Regensburg Digital

So schreibt es eine Nürnberger Fachanwältin für Versicherungsrecht im Auftrag des Bistums an den früheren Domspatzen Matthias Podszus. Wir haben mehrfach über seinen Fall berichtet und über die Schadenersatzklage, die er gegen die katholische Kirche anstrengt. Der heute 42-Jährige war von September 1991 bis Juli 1993 als kleiner Junge in der Domspatzen-Vorschule in Pielenhofen untergebracht und war dort dem Regime von Johann Meier ausgesetzt, das andere Betroffene rückblickend als „Hölle“ bezeichnen.

Domspatzen-Vorschule stand für vielfältige Formen von Gewalt

Spätestens seit dem 2017 veröffentlichten Abschlussbericht von „Domspatzen-Aufklärer“ Rechtsanwalt Ulrich Weber steht die Schule mit Internat für vielfältige Formen von Gewalt, Demütigung und sexuellen Missbrauch. Hunderte Kinder waren nachweislich davon betroffen. Der Geistliche Johann Meier, der dort fast vier Jahrzehnte das Regiment führte, gilt als sadistischer Exzesstäter. Er fungierte nicht nur als Schul-, sondern auch als Internatsleiter. Er war Erzieher und Beichtvater der Kinder, leitete Gottesdienste an der Schule.

Matthias Podszus dürfte eines der letzten Opfer von Meier gewesen sein, der im Januar 1992 mit viel Lob seitens der Kirche und dem Ehrentitel Monsignore in den Ruhestand verabschiedet wurde. Während der drei Monate, die er und der damals achtjährige Matthias in Pielenhofen aufeinandertrafen, vergewaltigte Meier ihn mehrfach. So steht es in der umfangreichen Klage, die Podszus’ Rechtsanwalt Sven Markuske vergangenen Oktober beim Landgericht Regensburg eingereicht hat.

Bistum Regensburg wusste Bescheid und unternahm nichts

Podszus fordert darin Schadenersatz, Schmerzensgeld und Verdienstausfall. Das Bistum hatte trotz mehrfacher Hinweise zu Meiers Gewaltexzessen, die seit Jahrzehnten im bischöflichen Ordinariat vorlagen, nichts unternommen. Eine Verletzung der Garantenpflicht sei das gewesen, heißt es in der Klage. Sollte das Gericht dieser in vollem Umfang stattgeben, könnte eine Bruttoforderung von deutlich über einer Million Euro auf das Bistum Regensburg zukommen.

Zuletzt hatte das Landgericht Regensburg im Rahmen einer vorläufigen rechtlichen Würdigung verneint, dass insbesondere die Vorwürfe der Sexualstraftaten Meiers bereits verjährt seien. Das Bistum hatte sich darauf berufen. Das Gericht hatte hingegen einen Güterichtertermin angeregt – eine Möglichkeit, sich unter professioneller Mediation durch einen Güterichter ohne öffentlichen Prozess zu einigen.

Betroffener leidet unter massiven Belastungen

Matthias Podszus hätte dem zugestimmt. Insbesondere wegen der psychischen Belastung, die das laufende Verfahren für ihn mit sich bringt. „Die letzten zwei Jahre waren wirklich heftig“, sagt er. Flashbacks, massive Stimmungsschwankungen, Depressionen. „Manchmal will ich einfach nur, dass es endlich vorbei ist.“

Man hat den Eindruck, dass das Bistum genau darauf zu setzen scheint, dass das Verfahren Podszus zermürbt. Denn den Gütetermin hat man, wie erwähnt, rundweg abgelehnt. Mit Verweis auf die begrenzten Mittel, die der Diözese Regensburg, die zu den reicheren in Deutschland zählt, zur Verfügung stünden. „Demgegenüber steht jedoch eine nahezu unerschöpfliche Anzahl Bedürftiger, welche auf die Unterstützung der Beklagten (das Bistum Regensburg, Anm. d. Red.) angewiesen ist“, schreibt die Rechtsanwältin des Bistums weiter.

Bistumsanwältin hält 50.000 Euro für „durchaus ausreichend“

Über mehrere Anläufe hat Podszus in der Vergangenheit insgesamt 50.000 Euro an sogenannten „Anerkennungsleistungen“ von einer dafür eingerichteten Kommission erhalten. Geld, das ausdrücklich nicht als Schmerzensgeld oder Schadenersatz definiert ist, sondern schlicht als Anerkennung des erlittenen Leids. Im Vorfeld von Zahlungen wird dabei die Plausibilität der Vorwürfe geprüft.

Die Bistumsanwältin hatte dies zuletzt als „Vergleichsangebot“ der Kirche bezeichnet. Nun spricht sie von einer „Entschädigung“, die ein „christliches Entgegenkommen“ gegenüber den Gewalt- und Missbrauchsopfern darstelle. Schließlich werde auf einen gerichtsfesten Nachweis der Vorwürfe verzichtet, schreibt sie weiter – und: „Im Gegenzug führt dies natürlich dazu, dass auch Zahlungen geleistet werden, die dem Anspruchssteller tatsächlich nicht zustehen.“ Es handle sich „letztlich um eine Abwägung zwischen dem vertretbaren Einsatz von Geldern und dem Opferschutz“, so die Sichtweise der Bistumsanwältin. Die 50.000 Euro, die Matthias Podszus erhalten habe, seien „durchaus ausreichend“.

Betroffener will Klage durchziehen

Wenn Matthias Podszus nun mehr wolle als die Anerkennungsleistung, dann müsse das Bistum Regensburg aus „Verantwortung der katholischen Gemeinde gegenüber, diese Ansprüche einer genauen Prüfung unterziehen“. Sprich: Man lässt es auf ein öffentliches Gerichtsverfahren ankommen, im Trachten, das kirchliche Millionenvermögen zusammenzuhalten.

Matthias Podszus will diese Auseinandersetzung allen Belastungen zum Trotz nun auch weiterführen. „Das bin ich nicht nur mir selber schuldig, sondern auch allen anderen Betroffenen, die die Kraft dafür nicht mehr aufbringen können.“

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