„Sie lauern auf dem Pausenhof, an der Bushaltestelle“, erzählt Bianca Jugel. Kurz nach dem Vorfall am Kino hätten sie ihren Sohn auf dem Schulhof mit mehreren Leuten umzingelt. Ihn geschubst und bespuckt. „Die merken sich ja die Gesichter.“
„Papa, ich habe Depressionen“
Bianca Jugel stockt und schaut zu ihrem Mann. Sie haben immer ein gutes Verhältnis zu ihrem Sohn gehabt. Doch was dieser in den letzten Monaten erlebte, das habe er ihnen erst vor Kurzem erzählt. Zu groß war die Demütigung, zu stark die Angst vor den Tätern. Sie sollen ihm gezielt gedroht haben: Wer uns anzeigt, bekommt noch mehr Probleme.
Erst vor wenigen Wochen öffnet sich ihr Sohn dann gegenüber seinen Eltern. Vater Mike ringt um Fassung, als er sich zurückerinnert. „Papa, ich habe Depressionen“, hat ihm sein Sohn plötzlich gesagt. „Er war in einer emotionalen Ausnahmesituation, hat sich nicht mehr in die Schule getraut“, erinnert sich Mike Jugel. Sie hätten sofort das Gespräch mit der Schulleitung gesucht. Doch nur eine Woche später gab es schon den nächsten Vorfall.
Es regnete und ihr Sohn wartete unter dem Vordach des „Spiekers“, einem abgelegenen Holzhaus auf der Rückseite der Schule. Kaum einsehbar. „Sie haben ihm aufgelauert, ihn umzingelt“, erzählt Mutter Bianca. „Er musste sich hinknien und sollte sich bei dem zwölfjährigen Anführer entschuldigen.“ Bianca Jugel schüttelt mit dem Kopf. „Mich macht das total wütend. Haben diese Kinder überhaupt eine Vorstellung davon, was sie anderen Menschen antun?“
„Die haben sich mit den falschen Leuten angelegt“
Für die Jugels war klar: Sie müssen jetzt handeln, ihren Sohn unterstützen. Bevor es dem 13-Jährigen psychisch noch schlechter geht. Sie erstatteten Anzeige, nahmen ihren Sohn von der Schule, suchten den Kontakt zur Presse. Die Eltern wollen weitere Betroffene und Zeugen dazu ermutigen, offen über die Gewalt zu sprechen. Zwei weitere Betroffene hätten sich bereits telefonisch bei ihnen gemeldet. Die Stadt Ahaus hat sogar eine eigene Hotline geschaltet.
Im Gespräch mit FOCUS online betont der Beigeordnete Werner Leuker jedoch, die Situation werde „überspitzt dargestellt“. Auch dass ein Kind die Schule wechseln müsse, sei ein normaler Vorgang. Alles zwar schlimm, aber nicht so schlimm.
Mike Jugel drängt zum Aufbruch. Er wolle noch „spazieren gehen“, wie er es nennt. Er setzt sich in seinen schwarzen Ford und fährt los. Zum Schlosspark, dem Platz vor dem Supermarkt, dem „Spieker“, der Unterführung – überall da, wo die vermeintliche Jugendgang lauern könnte. Jugel will Präsenz zeigen: „Die haben sich mit den falschen Leuten angelegt“.
„Ich mache Ahaus wieder sicher für dich"
An diesem Abend bleibt alles ruhig, nur eine Polizeistreife fährt durch die menschenleeren Straßen. Mike Jugel stoppt den Wagen und grüßt. Verdutzte Blicke der jungen Polizistin am Steuer. „Ich wollte einfach mal danke sagen, dass Sie hier aufpassen.“ Freundliches Grüßen, Abfahrt.
Er zeige seinem Sohn oft Fotos von den Polizeiwagen im Schlosspark. Der 13-Jährige sei stolz auf seine Eltern, auf den Zuspruch aus der Öffentlichkeit. Denn seit Bekanntwerden der Vorfälle hat die Polizei den Streifendienst verstärkt – die ganze Nacht lang.
Mike Jugel gab seinem Sohn ein Versprechen: „Ich mache Ahaus wieder sicher für dich, damit du wieder ins Kino gehen kannst.“ Und wenn er sich dafür jeden zweiten Abend im Schlosspark um die Ohren schlagen muss.
Betroffene können sich anonym und vertrauensvoll telefonisch an den Fachbereich Jugend der Stadt Ahaus wenden: 02561 / 72 388 oder an jede weitere Polizeidienststelle.