Warum stille Entzündungen uns schneller altern lassen – und wie wir sie stoppen können

Es gibt Dinge, die brennen, ohne Flamme zu zeigen. Die Sonne auf der Haut. Der Ehrgeiz, der uns antreibt. Und dann gibt es Entzündungen, die man nicht sieht – die aber leise in uns schwelen und den Alterungsprozess beschleunigen. Forscher nennen dieses Phänomen „Inflammaging“.

Ein neues Protein rückt nun in den Mittelpunkt dieser stillen Brandherde: EDA2R. Ein komplizierter Name, hinter dem sich ein erstaunlich einfaches Prinzip verbirgt – ein Schalter im Körper, der bei zu viel Stress, zu wenig Bewegung und dauerhaftem Entzündungsreiz auf „Dauerfeuer“ gestellt wird.

Nils Behrens ist Chief Brand Officer bei Sunday Natural, Host des Podcasts "Healthwise" und Dozent an der Hochschule Fresenius. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.

Ein Baustein der Jugend – auf Abwegen

EDA2R ist eigentlich ein Entwicklungshelfer. Während wir heranwachsen, sorgt es dafür, dass Haut und Haare richtig gebildet werden. Man könnte sagen, es hilft der Jugend beim Wachsen. Doch mit den Jahren kippt seine Rolle. Aus dem Helfer wird ein Brandstifter: EDA2R feuert entzündliche Signalwege an, die Zellen schwächen, Muskeln abbauen und Gewebe altern lassen.

Es gehört zur sogenannten TNF-Familie – einer Gruppe von Molekülen, die den Körper im Alarmzustand halten. Das ist hilfreich, wenn man eine Wunde hat. Aber fatal, wenn das Alarmsystem nie wieder ausgeht.

Inflammaging – das innere Lagerfeuer

Forscher fanden heraus, dass EDA2R mit zunehmendem Alter in fast allen Geweben stärker aktiv ist: in der Haut, den Muskeln, im Fettgewebe, in den Gefäßen. Es ist, als würde ein stilles Lagerfeuer im Körper immer weiter glimmen.

Und dieses Feuer hat Folgen: Studien zeigen, dass ein überaktives EDA2R-System mit Muskelschwund, Fettstoffwechselstörungen, erhöhtem Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sogar Demenz in Verbindung steht. Ein Protein, das eigentlich schützen sollte, greift nun an – und ist damit sinnbildlich für die Ambivalenz des Alterns: Was uns jung hält, kann uns im Übermaß alt machen.

Warum Männer häufiger betroffen sind

Interessanterweise sitzt das EDA2R-Gen auf dem X-Chromosom, in direkter Nachbarschaft zu den Androgenrezeptoren. Kein Wunder also, dass es in Studien mit männlicher Glatzenbildung, Stoffwechselstörungen und hormonellen Unterschieden in Verbindung gebracht wird. Männer besitzen nur ein X-Chromosom – sie können also genetische Ungleichgewichte schlechter ausgleichen. In diesem Fall bedeutet das: höhere Anfälligkeit für inflammatorische Alterungsprozesse.

Die gute Nachricht: Wir können gegensteuern

So fatal EDA2R klingt – es reagiert auf denselben Lebensstil, der ohnehin über Langlebigkeit entscheidet. Bewegung, Ernährung und Regeneration sind die natürlichen Gegenspieler.

  1. Bewegung reduziert die Aktivität entzündlicher Signalwege. Schon moderate Muskelarbeit senkt nachweislich NF-κB, den Entzündungsboten, den EDA2R aktiviert.
  2. Fasten und kalorienbewusste Ernährung scheinen die Expression von EDA2R zu dämpfen. In Tiermodellen wurde beobachtet, dass längere Esspausen das Protein regelrecht „herunterregeln“.
  3. Krafttraining schützt vor Muskelabbau – dem sichtbarsten Symptom einer überaktiven EDA2R-Achse.
  4. Pflanzliche Nährstoffe wie Ginkgolide (aus Ginkgo biloba) können die Genaktivität sogar direkt bremsen, wie erste Studien zeigen.

Kurz gesagt: Die uralten Empfehlungen für Gesundheit – Bewegung, Fasten, Nährstoffvielfalt – sind gleichzeitig molekulare Bremsen für Entzündung.

Biomarker oder Brandmelder?

Die Wissenschaft sieht in EDA2R inzwischen einen robusten Biomarker des Alterns. Aber Biomarker sind keine Schicksalssprüche, sondern Warnlichter. EDA2R zeigt an, dass das Immunsystem den Körper nicht mehr als Freund, sondern als potenzielles Schlachtfeld behandelt. Wer dieses Warnsignal früh erkennt – etwa in Blut- oder Gewebeanalysen der Zukunft – könnte präventiv handeln, bevor Krankheit sichtbar wird.

In diesem Sinne steht EDA2R sinnbildlich für das neue Denken in der Longevity-Forschung: Weg von der Symptombekämpfung, hin zur molekularen Prävention.

Was Longevity wirklich bedeutet

Longevity heißt nicht, das Leben zu verlängern, koste es was es wolle – sondern die gesunde Lebensspanne zu schützen. Jene Jahre, in denen wir beweglich, klar im Kopf und innerlich ruhig sind. Wenn man so will: die Zeit zwischen den Jahren, die auf dem Grabstein stehen.

EDA2R erinnert uns daran, dass Altern kein Schicksal ist, sondern ein Prozess, der lenkbar bleibt. Der Unterschied zwischen einem Körper im Dauerfeuer und einem, der in Balance altert, liegt selten im Labor – sondern meist im Alltag. In der Art, wie wir uns bewegen, essen, regenerieren.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses Proteins: Dass selbst Moleküle auf uns hören – wenn wir ihnen den richtigen Takt geben.