Der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter beginnt heute am Münchner Oberlandesgericht. 44 Menschen wurden verletzt, zwei starben nach dem Terror-Anschlag.
Von der Bank geht der Blick auf den Flaucher. Das Wasser in der Isar ist niedrig, am Ufer liegt noch Schnee, die Bäume sind kahl, der Boden voller Eis. Zwei Jogger tapsen vorbei, den Blick geradeaus. Für sie ist es ein Stück Laufstrecke. Für Amel S., ihren Mann Marius und deren Tochter Hafsa (2) war es ein Lieblingsplatz, hier spielten sie gerne miteinander. Heute ist es ein Ort der Trauer und der Erinnerung. Die Bank ließ der Vater für seine tote Familie aufstellen. „Für Amel und Hafsa“, steht auf einer Plakette.
Prozess nach Auto-Attentat: Es geht um zweifachen Mord und versuchten Mord in 44 Fällen
Beide starben im Februar 2025 in der Seidlstraße – totgefahren von Attentäter Farhad N. (25). Heute um 9.30 Uhr beginnt der Prozess am Oberlandesgericht München. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe wirft dem abgelehnten Asylbewerber aus Afghanistan zweifachen Mord und versuchten Mord in 44 Fällen vor. Das Urteil könnte am 25. Juni fallen.
Das Attentat: An 13. Februar zogen rund 1400 Stadt-Angestellte bei einer Demo der Gewerkschaft Verdi durch die Seidlstraße in Richtung Stiglmaierplatz. Dahinter: fünf Polizeibusse, ein Unfallhilfewagen der MVG – und Farhad N. in seinem weißen Mini Cooper. Um 10.30 Uhr soll der Afghane durch die Polizeiwagen gefahren sein. An der Kreuzung zur Karlstraße soll er Gas gegeben haben und 23 Meter weit durch die Menge gerast sein. Sein Auto blieb laut Ermittlern erst stehen, als die Vorderräder durchdrehten – weil Opfer unterm Auto lagen.
Die Toten: Beim Attentat erfasste Farhad N. Amel S. († 37) und Hafsa († 2) im Kinderwagen mit rund 40 Stundenkilometern. Der Attentäter verletzte sie so schwer, dass sie zwei Tage später starben. Amel stammte aus Algerien, war mit vier Jahren nach Deutschland gekommen. Sie hatte Umweltschutz in Köln und Bingen studiert. Seit 2017 lebte sie mit ihrem Mann in München, arbeitete als Ingenieurin bei der Stadt. „Amel war ein Mensch, der sich für Gerechtigkeit eingesetzt hat“, ließ die Familie nach dem Attentat mitteilen. Sie hatte sich für Solidarität, Gleichheit, gegen Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung eingesetzt. Werte, die sie ihrer Tochter mitgeben wollte.
Der Angeklagte: Farhad N. wurde in Kabul geboren, kam 2016 als Asylbewerber nach Deutschland. Sein Asylantrag war abgelehnt worden. Aber: Er hatte eine Aufenthaltsgenehmigung bis April 2025. Zunächst pflegte der sunnitische Muslim einen westlichen Lebensstil. Er feierte, trank, ging ins Fitnessstudio, nahm an Bodybuilding-Wettbewerben teil. So zeigte er sich auf seinem Instagram-Account. Laut Behörden arbeitete er als Ladendetektiv. Keine Vorstrafen. Der weiße Mini gehörte ihm.
Farhad N. soll sich in religiösen Wahn hineingesteigert haben
Ab Herbst 2024 soll er sich laut Ermittlern in einen religiösen Wahn hineingesteigert haben – durch islamistische Hassprediger im Internet. Bei seiner Festnahme in der Seidlstraße soll er „Allahu Akbar“ („Gott ist größer“) gerufen und gebetet haben. Noch dazu soll er frustriert über seine Lebenssituation gewesen sein. Er lebte in einem tristen Wohnblock in der Parkstadt Solln in einer Einzimmerwohnung. Zu einem Nachbar sagte er vor der Tat, er sei arbeitslos. Laut einer Nachbarin hatte der junge Mann „einige Tage vor der Tat“ oft in seiner Wohnung geschrien und heftig geweint. Laut Bundesanwaltschaft führte all das zum Attentat. Sie geht von islamistischem Terror aus. Der Anwalt von Farhad N. hält ihn für nicht schuldfähig.
Die Verletzten: Farhad N. verletzte 44 Menschen teils lebensgefährlich. Viele erlitten Brüche der Rippen, der Brustwirbel, des Schlüssel- und Wadenbeins, des Sprunggelenks, der Kieferhöhle, des Beckenrings, der Augenhöhle, des Unterkiefers oder des Jochbogens. Der Münchner Anwalt David Mühlberger vertritt acht Opfer: „Viele meiner Mandanten leiden noch heute an den körperlichen und psychischen Folgen.“ Nicht alle seien wieder arbeitsfähig.
Die Diskussion: Nach dem Anschlag wurden Stimmen laut, die eine Verschärfung der Migrationspolitik forderten. Als AfD-Politiker Blumen am Tatort niederlegen wollten, gab es Tumulte. Dabei hatten sich die Angehörigen von Amel und Hafsa gegen eine politische Vereinnahmung der Gewalttat gestellt. Sie baten sie darum, ihren Verlust nicht zu benutzen, „um Hass zu schüren und ihn politisch zu instrumentalisieren“.