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Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Seit fast zwei Monaten beschäftigt sich die Weltöffentlichkeit mit dem Überfall der Hamas auf den Süden Israels, dem Massaker und dem Gegenschlag gegen Gaza. Die überraschende Attacke der Terrororganisation, die das israelische Militär und die Geheimdienste kalt erwischte, ist aus jedem erdenklichen Winkel unter die Lupe genommen worden. Aber immer noch geben die Ereignisse dieses schlimmen Tages Rätsel auf: Wie kann es sein, dass man von einer dermaßen großen Operation – etwa 3.000 Bewaffnete der Hamas und anderer Terrorgruppen waren am Angriff beteiligt – vorher nichts mitbekommt?
Gewiss, es gibt darauf Antworten. Die israelischen Streitkräfte waren im Westjordanland beschäftigt, die Politik mit sich selbst. Die Geheimdienste belauschten zwar jedes Handy, aber die Hamas nutzte Wählscheibentelefone. Haben wir gelesen. Seltsam bleibt es trotzdem. Tausende Kämpfer kamen aus dem Nichts? Wie hat die Hamas es geschafft, dass ihre Vorbereitungen und ihr Aufmarsch unsichtbar blieben? Ist das nicht unmöglich? Die Antwort lautet: Doch, ist es.
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Neue Erkenntnisse sorgen für Klarheit. Die große Heimlichkeit ist nämlich ein Märchen. Die Hamas hat in aller Offenheit und in Sichtweite der israelischen Posten ihren Angriff bis ins letzte Detail trainiert: den Grenzzaun sprengen und überwinden, Beobachtungsposten stürmen, Panzer zerstören und Soldaten gefangen nehmen, Häuser in Kibbuzen durchkämmen, Menschen ermorden und verschleppen. Die israelischen Soldaten mit ihren Hi-Tech-Kameras auf der anderen Seite des Zauns entdeckten sogar einen hochrangigen Hamas-Kommandeur bei den Übungen. Die Grenzwächter schlugen Alarm. Warum trotzdem nichts geschah – das ist ein Lehrstück, weit über Israel hinaus.
Schon die erste Lektion lässt sich allgemeingültig formulieren: Keine Armee ist besser als die Gesellschaft, aus der sie hervorgeht. Jede Arroganz, jeder Dünkel, jede Hochnäsigkeit, die der Mainstream der Gesellschaft für akzeptabel hält, lässt die Maschinerie des Militärs stottern, sobald es ums Ganze geht. Die Beobachter an der Grenze, die auf den Monitoren jede Bewegung im Gazastreifen verfolgten, sind genau genommen nämlich Beobachterinnen gewesen. Allesamt junge Frauen, auch die Offiziere. Ihre Warnungen wurden weggewischt – von den Vorgesetzten, den Wichtigheimern, den allwissenden Männern.
Schon die Konstellation legt den Verdacht nahe, dass der alltägliche Sexismus tödliche Folgen hatte. Inzwischen sprechen es einige Soldatinnen, die den Angriff der Hamas auf ihre Beobachtungsposten überlebt haben, offen aus: Wären wir Männer gewesen, hätte man uns nicht abblitzen lassen. Ist die bevorstehende Attacke also eigentlich offensichtlich gewesen, und nur die Borniertheit hochrangiger Offiziere hat der Hamas in die Hände gespielt? Es ist verlockend, es bei diesem Schluss zu belassen. Aber noch Heimtückischeres ist am Werk – etwas, das die Schwächen der menschlichen Psyche gnadenlos ausnutzt. Denn die mächtigste Verbündete der Hamas hieß: Gewöhnung.
Die Hamas-Leute trainierten für ihren Angriff weithin sichtbar und mit großem Tamtam. Die Terrororganisation veröffentlichte Ausschnitte ihrer Übungen zuhauf in den sozialen Medien, damit es wirklich jeder mitbekommt. Und das seit Jahren. Die ersten Manöver, in denen die wesentlichen Aktionen der Attacke vom 7. Oktober zu sehen sind, fanden im Jahr 2020 statt. Die großangelegten Übungen mit anderen Extremisten wurden seitdem jährlich wiederholt, zuletzt weniger als einen Monat vor dem Angriff.
Dass sich die Hamas in aller Seelenruhe und in voller Sicht des israelischen Militärs auf das Losschlagen vorbereitete, ist auch den Obersoldaten mit den vielen Sternen auf der Schulter nicht entgangen. Doch die regelmäßige Wiederholung des Angriffstrainings hat in Israel nicht etwa zu dem Schluss geführt, dass die Hamas es mit einer Großoperation ernst meint. Die wollen nur spielen, scheint der Leitgedanke in den israelischen Führungsstäben gewesen zu sein. Die Hamas will angeben und die Muskeln spielen lassen. Machen die immer so. Alles nur breitbeinige PR.
Dass die Vorbereitungen der Hamas so offensichtlich waren, scheint die israelischen Kommandeure gründlicher getäuscht zu haben, als Heimlichkeit es vermocht hätte. Der feste Turnus der Übungen hat Generäle und Geheimdienstler offenbar dazu verleitet, dahinter nicht Zielstrebigkeit zu vermuten, sondern ein bedeutungsloses Ritual. Es ist gefährlich leicht, in diese Falle zu tappen. Ausgerechnet routinierte Vollprofis sind für diese Form der Täuschung besonders anfällig: Alles schon gesehen, kennen wir, falscher Alarm! Obendrein konnte nach gängiger Lesart die Hamas kein Interesse an einer Eskalation haben. Die wolle schließlich ihre Macht in Gaza zementieren. Ein Krieg würde das nur gefährden, hieß es. Von denen kommt nichts. Solche Töne haben wir übrigens in Europa vor Putins Überfall auf die Ukraine auch gehört.
Diese Geschichte hat deshalb eine Moral. Aber die betrifft gar nicht das institutionelle Versagen, auch wenn es das in Israels Sicherheitsapparat ohne Zweifel gab. Ein anderes Versagen erwies sich als tödlicher: das der Phantasie. Gelangweilt schaute man auf das Immergleiche und dachte nicht neu darüber nach. Man wirft eben nicht jedes Mal die eigenen Grundannahmen über Bord, schaut nicht mit frischen Augen auf die Vermummten, die durch den Sand robben, fragt sich nicht, ob die harmlose Übung inzwischen nicht mehr harmlos und auch keine Übung mehr ist. Das ist die Botschaft des Hamas-Terrors an Israel und an die Menschheit: Zehnmal falscher Alarm macht noch keinen elften.
Müsste ich ein Land nennen, dass sich durch institutionelle Trägheit auszeichnet, durch zu viel Selbstgewissheit und zu viel "Weiter so", fiele mir als erstes aber gar nicht Israel ein. Sondern Deutschland. Auch unser Umfeld ist gefährlicher geworden. Eine Zeitenwende, also mehr Geld fürs Militär, hat uns diese Entwicklung bereits beschert – aber genügt das? Sind wir aufmerksam? Haben wir unsere Annahmen überprüft und handeln wir wirklich danach? Können wir sicher sein, dass Putin vor einem Angriff auf Nato-Länder zurückschreckt?