Auf einer Zeichnung von Leonardo da Vinci machen Forscher einen sensationellen Fund: DNA-Spuren. Doch stammen sie wirklich von dem Renaissance-Meister?
Florenz/New York – Michelangelo, Rembrandt und Co.: Es gibt viele talentierte Künstler auf der Welt, die im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche atemberaubende Kunstwerke geschaffen haben. Doch unter ihnen befindet sich ein Mann, der wohl wie kein zweiter als Universalgenie der Renaissance gilt: Leonardo da Vinci.
Ein Team aus Forschern hat jetzt eine spektakuläre Entdeckung gemacht: Mit aufwendigen Methoden entdeckten die Wissenschaftler DNA-Spuren auf einer Zeichnung, die Leonardo da Vinci zugeschrieben wird. Doch stammt die DNA tatsächlich von dem weltbekannten Gelehrten?
DNA in Leonardo da Vincis Gemälden – Forscher mit bahnbrechender Entdeckung
Das internationale Forscherteam vom Leonardo DNA Project hat auf einer Zeichnung, die da Vinci zugeschrieben wird, DNA-Spuren entdeckt, die möglicherweise von dem Renaissance-Genie selbst stammen könnten. Die Urheberschaft der untersuchten Zeichnung ist unter Kunsthistorikern jedoch umstritten.
In der noch nicht von Fachleuten begutachteten Preprint-Studie berichten die Forscher über ihr Vorgehen: Untersuchungsobjekt war eine Rötelzeichnung, die den Kopf eines Kindes zeigt und stilistisch mit da Vinci (1452–1519) in Verbindung gebracht wird. Mit einem besonderen Verfahren der Entnahme von Abstrichen entnahmen die Forscher um Harinder Singh vom US-amerikanischen J. Craig Venter Institute winzige biologische Proben von Vorder- und Rückseite des Blattes. Anschließend analysierten sie die DNA mit modernen Sequenzierverfahren.
Dabei stießen sie auf ein vielfältiges Gemisch aus Bakterien-, Pilz-, Pflanzen- und Tier-DNA. Der Sensationsfund aber war die menschliche Erbsubstanz. Besonders interessant waren dabei die Fragmente des Y-Chromosoms, das über die väterliche Linie vererbt wird. Diese Sequenzen konnten die Forscher laut der Studie einer genetischen Gruppe zuordnen, die heute im Mittelmeerraum und auch in der Toskana verbreitet ist. Um einen Vergleich anzustellen, untersuchten die Forscher daraufhin historische Briefe eines Verwandten von da Vinci aus dem 15. Jahrhundert. Auch dort fanden sie Y-Chromosom-Merkmale derselben übergeordneten Linie.
Da-Vinci-Code: Stammt die DNA tatsächlich von Leonardo?
„Das ist ein wichtiger erster Hinweis, aber kein Beweis“, betonen die beteiligten Wissenschaftler laut dem Newsmagazin Science. Den Wissenschaftlern zufolge sei die DNA stark fragmentiert und könne von mehreren Personen stammen, die die Objekte über die Jahrhunderte hinweg berührt hätten.
Von Science befragte unabhängige Fachleute äußerten sich ebenfalls zurückhaltend. Zwar seien die Ergebnisse der Studie wissenschaftlich beeindruckend, ließen aber keine eindeutige Zuordnung zu da Vinci zu. Dazu fehle ein gesicherter genetischer Referenzpunkt des Künstlers, denn der hatte keine Nachkommen. Auch sein Grab im französischen Amboise kann keine Hinweise liefern, da es im 19. Jahrhundert mehrfach gestört wurde.
Dem Magazin zufolge verfolgt das internationale Projekt nun mehrere Ansätze. Zusätzlich zu den Untersuchungen an Kunstwerken wollen die Wissenschaftler DNA von heute lebenden männlichen Nachfahren aus der väterlichen Linie des Renaissance-Künstlers analysieren. Außerdem wurden in einer Kirche im toskanischen Vinci Knochen geborgen, die möglicherweise von nahen Verwandten stammen. Erste Datierungen passen in die Lebenszeit von da Vincis Familie. Erbsubstanz kann Forschern viel über die Vergangenheit verraten, wie diese 4000 Jahre alte DNA.
Methode hat großes Potenzial für Kunsthistorie
In dem Preprint heben die Forscher die Grenzen der Methode hervor: Oberflächen-DNA auf Kunstwerken sei extrem anfällig für Verunreinigungen durch die Handhabung und Lagerung. Es müsse daher große Zurückhaltung geübt werden bei Aussagen zu genetischen Spuren.
Dennoch sehen die Wissenschaftler großes Potenzial in ihrem Vorgehen. Biologische Spuren könnten demnach die kunsthistorische Expertise künftig ergänzen – beispielsweise bei der Authentifizierung umstrittener Werke oder beim Schutz von Kulturgütern. Ob sich durch die Methode in der Zukunft einmal zweifelsfrei Leonardo da Vincis eigene DNA nachweisen lässt, bleibt aber offen. (Quellen: Science, dpa, CNN, Leonardo DNA Project) (phs)