Immer mehr Kinder schaffen den Sprung in die zweite Klasse nicht – warum soziale Herkunft und frühe Förderung dabei eine große Rolle spielen.
Der Einstieg in die Grundschule stellt viele Kinder vor unerwartete Hürden. Besonders Erstklässler in sozialen Brennpunkten haben oft so große Schwierigkeiten, dass sie die erste Klasse noch einmal besuchen müssen. So sieht die Lage in Dortmunder Nordstadt aus: Fast alle Kinder dort bleiben ein Jahr länger in der Schuleingangsphase. Damit stehen sie stellvertretend für ein landesweites Problem, das immer mehr Familien betrifft.
Nach aktuellen Recherchen mussten im Schuljahr 2024/25 bundesweit über 41.000 Kinder die erste Klasse wiederholen. Sprachmangel, fehlende Konzentration und geringe Erfahrung mit der deutschen Sprache sind die häufigsten Ursachen. Die Zahlen zeigen: In einigen Stadtteilen ist Nachsitzen der Normalfall und die Hoffnung auf einen gelingenden Schulstart ist für viele Schüler keine Selbstverständlichkeit mehr.
Immer mehr Kinder wiederholen die erste Klasse: Zahlen und Hintergründe
Besonders betroffen ist Nordrhein-Westfalen, wo zuletzt rund 23.000 Erstklässler wiederholt die erste Klasse besuchen mussten, wie aus offiziellen Angaben der Landesregierung hervorgeht. Das entspricht etwa sechs Prozent aller Kinder in der Schuleingangsphase. In einigen städtischen Vierteln ist diese Quote laut Bildungsressort noch höher. Während ein Wiederholen ursprünglich als Ausnahme gedacht war, scheint es in bestimmten Brennpunktlagen zur Regel zu werden.
Ein Vergleich der Bundesländer hat jedoch deutliche regionale Unterschiede ergeben: So geben Bildungsministerien aus Bayern, Baden-Württemberg und Bremen an, dass dort deutlich weniger Erstklässler betroffen sind. Die Ursachen reichen laut den Recherchen von CORRECTIV vor allem von fehlendem Kitabesuch bis zu Sprachhürden beim Schuleinstieg. Hinzu kommt, dass viele Kinder in den ersten Klassen unter Trennungsängsten leiden.
Besonders an Grundschulen, an denen viele Schüler mit unterschiedlichen Familienbiografien und Herkunftssprachen zusammenkommen, sind laut Schulleitungen die Deutschkenntnisse oft die zentrale Herausforderung. Alma Tamborini, die eine Grundschule in Dortmund leitet, schildert, dass ein Teil der Kinder vor der Einschulung keinen Zugang zu frühkindlichen Bildungsangeboten wie Kitas hatte. Gerade in sozialen Brennpunkten fehlt es zudem häufig an genügend Fachpersonal und an Sprachvorbildern.
Was ist CORRECTIV?
CORRECTIV ist ein gemeinnütziges Recherchezentrum mit Sitz in Deutschland. Die Organisation wurde 2014 gegründet und finanziert sich überwiegend durch Spenden und Fördermittel. Die Reporter von CORRECTIV arbeiten unabhängig und veröffentlichen investigativ recherchierte Geschichten, oft in Kooperation mit anderen Medien. Ziel von CORRECTIV ist es, komplexe gesellschaftliche Themen transparent zu machen und mit gründlicher Recherche Fakten zugänglich zu machen. Die Informationen und Daten von CORRECTIV werden regelmäßig für journalistische Berichte und Analysen genutzt und gelten als seriöse Quelle in der Medienlandschaft.
Startschwierigkeiten, wenig Personal und Mediennutzung prägen den Alltag an Grundschulen
Laut Studien der Wübben Stiftung und der Bertelsmann Stiftung fällt vielen Erstklässlern das Lernen schwer, weil wichtige Grundlagen fehlen. Manche haben Übungen wie Puzzeln oder das Stapeln von Bausteinen kaum kennengelernt. Lehrkräfte berichten, dass sie oft mit ganz einfachen Dingen starten müssen, etwa mit der richtigen Stifthaltung oder grundlegenden Regeln im Klassenzimmer. Ein weiteres Thema: Häufig schwänzen Kinder die Schule, weil sie unter psychischen Belastungen leiden.
Viele Kinder verbringen schon im frühen Alter viel Zeit mit Smartphones und anderen digitalen Medien. Erfahrungen aus Schulen und Kitas, die CORRECTIV gesammelt hat, zeigen, dass sich Kinder dadurch häufig schlechter konzentrieren und weniger mit anderen kommunizieren. Die Politik setzt inzwischen auf neue Ansätze, zum Beispiel auf verpflichtende Sprachtests vor der Einschulung oder besondere Vorschulklassen wie in Hamburg.
Doch es gibt weiterhin große Herausforderungen, etwa zu wenig Personal in Kitas und Schulen, vor allem dort, wo besonders viele Kinder Unterstützung brauchen. Die Wübben Stiftung warnt: Wer am Anfang der Schullaufbahn nicht genug gefördert wird, hat später oft schlechtere Chancen auf einen regulären mit Abschluss. Nach Berechnungen von CORRECTIV betrifft das bis zu 30 Prozent der Kinder aus besonders betroffenen Stadtteilen.