Ist es unnötige Panikmache oder kluge Prävention nach dem Motto „Wehret den Anfängen“? Der Bund Naturschutz, Greenpeace und die Bürgerinitiative Reichling-Ludenhausen warnen jedenfalls vehement vor den Folgen einer möglichen Gasförderung zwischen Lech und Ammersee.
Reichling/Dießen - Wie groß das Interesse an diesem Reizthema ist, zeigte sich bei den jüngsten Informationsveranstaltungen in Rott und Dießen. In der Ammersee-Gemeinde war die Sportgaststätte „Locanda al Lago“ so rappelvoll, dass viele Interessenten nur von draußen bei geöffneten Fenstern zuhören konnten. Der Einladung von Katja Holler, stellvertretende BN-Kreisvorsitzende, und ihrer Dießener Kollegin Irmgard Gebertshammer war auch Bürgermeisterin Sandra Perzul gefolgt. Sie ist von der Thematik aktuell noch nicht betroffen, baut aber vor und will gewappnet sein. Denn das Konzessionsgebiet für die Erdgas-Suche erstreckt sich auch auf Dettenhofen, Dettenschwang, Obermühlhausen, St. Georgen und Riederau in der flächenmäßig größten Landkreisgemeinde Dießen. Insgesamt sind im zwischen Lech und Ammersee abgesteckten Claim etwa zehn Bohrstellen angedacht, die fünf Milliarden Kubikmeter Gas fördern sollen.
Hauptredner Kasimir Buhr, Bachelor und Master für Biochemie sowie BN-Energiereferent, korrigierte das „Halbwissen und die landläufige Meinung“ vieler empörter Bürger, dass die Erdgas-Förderung in Reichling ganz ohne Umweltverträglichkeitsprüfung bereits in trockenen Tüchern sei: „Genehmigt ist lediglich der Hauptbetriebsplan für eine Probebohrung in Reichling. Und die ist auf einen Zeitraum von zwölf bis 16 Wochen beschränkt.“
Das noch fehlende Trinkwasser-Notfallkonzept sei nur eine Formsache. Erst danach könne der Bohrplatz hergerichtet werden. Sollte nach einer erfolgreichen Probebohrung wirklich dauerhaft gefördert werden, müssen sämtliche dafür notwendigen Genehmigungen erneut beantragt und ausführlich behandelt werden. Juristisch gesehen habe Reichling mit der Probebohrung und einer möglichen Förderung „zwei getrennte Baustellen“.
Die Probebohrung mit einem 40 Meter hohen Bohrturm in mehr als 3.000 Meter Tiefe wird südöstlich von Reichling durchgeführt – nahe der Verbindungsstraße nach Rott. An der Stelle, wo 1983 bereits ein Öl-Gas-Gemisch gefunden wurde. Da sich damals die Förderung nicht gelohnt hatte, wurden die Pläne eingestellt und das Bohrloch verfüllt.
Grünes Licht
Wegen der aktuellen Energieknappheit hat sich 2022/2023 ,Genexco Gas‘, ein Unternehmen der Kanadischen MCF-Energy mit Hauptsitz in Vancouver, die Konzession für dieses Gebiet gesichert und 2024 von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger die Erlaubnis für eine Probebohrung erhalten. Im Erfolgsfall erwartet man eine Gasmenge von 300 bis 500 Millionen Kubikmeter Gas pro Jahr.
Die Schwesterfirma ,Genexco‘ mit gleichen Inhabern und identischem Investor hat sich wiederum die Rechte am größeren Gebiet ,Lech Ost‘ gesichert und ebenfalls eine „Aufsuchungserlaubnis“ erhalten. Kasimir Buhr zeigte kein Verständnis dafür, warum das Land Bayern auf eine Förderabgabe verzichtet habe. Alle Gewinne und Steuern fielen außerhalb Bayern beziehungsweise in Kanada an, während die lokalen Risiken und Belastungen von der heimischen Bevölkerung getragen werden.
Buhr widersprach auch der Behauptung der Betreiber, dass „heimisches Erdgas“ besser sei als das verflüssigte Erdgas LNG (Liquefied Natural Gas) mit hohen Methan-Emissionen, das hauptsächlich aus den USA teuer nach Deutschland geschifft wird. Sauberes Gas gebe es nicht und die „bayerische Lösung“ werde LNG nicht verdrängen, sondern zusätzlich genutzt. Die geplante Bohrung sei außerdem zu nah an zwei Schutzgebieten wie dem Flora-Fauna-Habitat und dem Europäischen Vogelschutzgebiet „Mittleres Lechtal“ mit vielen geschützten Arten wie Uhu, Gelbbauchunke oder dem Kammmolch. Es bestünden zudem Gefahren durch Lärm, Abgase und Verunreinigung des Wassers. Bei „Kinsau 1a“ sei das Trinkwasserschutzgebiet mit nur 225 Metern Entfernung in direkter Nachbarschaft. Das entsprechende Notfallkonzept werde noch nachgereicht, aber auf eine Umweltverträglichkeitsprüfung für die Probebohrung wurde verzichtet.
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Breiter Protest
Vor Ort bemüht sich die stetig wachsende „Bürgerinitiative Reichling-Ludenhausen“ um einen Stopp der Gasbohrungen. Birgit Ertl und Franz Ostenrieder berichteten von ihrem „Kampf gegen Windmühlen“, den sie aber keinesfalls aussichtslos sehen. Sollte nach der Probebohrung die Genehmigung zur Förderung für die nächsten zehn bis 15 Jahre beantragt werden, wolle man das mit allen juristischen Mitteln verhindern.
Rückenwind bekommt die BI vom Reichlinger Gemeinderat, dem Kreistag und von Landrat Thomas Eichinger. In einem Offenen Brief an Wirtschaftsminister Aiwanger stellte er sich hinter die Bedenken der Bürger bezüglich der Gefahren für das Trinkwasser und das Ökosystem. Er bezieht sich auch auf eine Stellungnahme der Landsberger Energieagentur LENA, die eine Exploration und mögliche Förderung von Erdgas im Landkreis ablehne, weil sie im Widerspruch zu den bayerischen und deutschen Klimazielen stehe. Der Ausbau erneuerbarer Energien sollte Priorität haben. Eine Genehmigung zur Erdgasbohrung in Reichling müsse daher sehr sorgfältig überprüft werden.
Der Minister kam dem Landsberger Landrat aber zuvor. Bevor dieser seine Depesche in die Landeshauptstadt verfasst hatte, kam bereits eine Stellungnahme von Huber Aiwanger. Ihm seien die Hände gebunden, er könne den Rechtsanspruch auf die Gasbohrung nicht verweigern. Außerdem sei Erdgas auf lange Sicht unentbehrlich. Das betonte der bayerische Wirtschaftsminister in einer Stellungnahme, zu der ihn die Kritik an der geplanten Erdgasbohrung in Reichling veranlasst habe.
Derweilen hat sich in unmittelbarer Nähe zum künftigen Bohrloch das Klima-Camp „Koa Gas“ niedergelassen. Die Klima-Aktivisten planen einen friedlichen Protest und möchten mit den Bürgern ins Gespräch kommen.