Der Milchpreis ist seit September um sieben Cent gefallen. Viele Landwirte fahren deshalb nach München. Doch es gibt auch Kritik am Protest.
Bad Tölz-Wolfratshausen – Wer in den vergangenen Wochen einkaufen gegangen ist, dem ist es beim Blick ins Kühlregal vermutlich aufgefallen: Beim Discounter war ein Pfund Butter teils für 99 Cent zu haben. Was den Verbraucher zunächst freut, belastet viele Bauern. Der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) ruft an diesem Mittwoch wie berichtet zu einer Demonstration in München auf. Die Politik, so die Forderung, solle etwas gegen den aktuellen Verfall des Milchpreises unternehmen. Auch das BDM-Kreisteam Bad Tölz-Wolfratshausen/Miesbach ruft zur Teilnahme auf.
„Kein Ende der Talfahrt in Sicht“
Wie viele Bauern aus dem Landkreis dem Aufruf folgen, konnte Kreisvorsitzender Johann Hainz am Dienstagnachmittag noch nicht abschätzen. 10 bis 15 Schlepper, mutmaßt er, könnten sich am Mittwochmorgen beim Treffpunkt in Egling (8.45 Uhr, Nettoparkplatz) einfinden, um gemeinsam zum Protest in die Landeshauptstadt zu fahren. Ein paar mehr, so Hainz, würden sich wohl noch auf eigene Faust auf den Weg machen.
Anlass, auf die Barrikaden zu gehen, gibt es aus Hainz‘ Sicht genug. „Der Milchpreis ist im freien Fall“, erklärt der Dietramzeller. „Seit September ist er um sieben Cent zurückgegangen.“ Bei der Molkerei Bergader etwa sei man bei einem Basispreis von 42 Cent pro Liter angekommen. Dazu kämen dann je nach Betrieb noch zum Beispiel Qualitäts- und Bergbauernzuschlag. Die Auszahlungspreise für diesen Januar kennt Hainz noch nicht, „aber es ist kein Ende der Talfahrt in Sicht“, sagt Hainz.
Bei seinem eigenen Betrieb mit 70 Milchkühen würden allein die sieben Cent Preisverfall übers Jahr einen Einnahmenverlust von 28 000 Euro im Jahr ausmachen, rechnet der BDM-Kreischef vor. Deutschlandweit mache ein Minus von zehn Cent einen Wertschöpfungsverlust von 3,2 Milliarden Euro aus. „Dann muss man sich hinsetzen und schauen, wo ich auf der anderen Seite etwas einsparen kann, um das zu kompensierten.“ Investitionen hätten viele Milchbauern ohnehin auf Null heruntergefahren.
Noch bevor „alles komplett am Boden ist“, so Hainz, müsse die Politik jetzt einschreiten und „eine große Krise verhindern“. Die Forderung des BDM lautet, dass die EU wie schon 2016 das Instrument des „freiwilligen Lieferverzichts“ einsetzen solle. Das bedeutet, dass diejenigen Betriebe, die weniger Milch auf den Markt bringen und damit das derzeitige Überangebot wieder reduzieren, für ihre Einnahmeverluste entschädigt werden. Hainz betont, dass dafür kein Steuergeld eingesetzt werden müsse, sondern dass die Entschädigung aus einem von den Bauern selbst finanzierten Krisenfonds kommen könne.
Dass es unter der Bauernschaft im Landkreis wegen des Milchpreises stark brodeln würde, kann Hainz aber noch nicht wirklich feststellen. „Die Biobauern sind noch sehr ruhig, weil bei ihnen der Preis fast gleich ist“, sagt er. Und unter den konventionellen Landwirten würden viele hoffen, „dass es mit dem Preis auch wieder nach oben geht.“
Oft zu hören sei, dass die Milchbauern den Preisrückgang selbst verursacht hätten. Ursache sei letztlich ein weltweites Überangebot auf dem Markt. Ein Faktor ist laut Hainz die gute Futtergrundlage: „Im vergangenen Jahr hat es weltweit fast nirgends Dürren und Überschwemmungen gegeben.“ Peter Fichtner, Kreisobmann beim Bayerischen Bauernverband (BBV), fügt der Analyse den Spruch hinzu: „Der Feind eines guten Milchpreises ist ein guter Milchpreis.“ In den vergangenen Jahren sei relativ gut für die Milch bezahlt worden – und das hätte so manchen Betrieb animiert, mehr zu produzieren. Die Discounter, meint Hainz, hätten die Marktlage dann „schamlos ausgenutzt“, um die Kunden mit billiger Butter zu locken.
BBV-Mann Fichtner gehört übrigens zu denen, die die aktuelle Lage eher gelassen betrachten. Im Landkreis können ihm zufolge die Einnahmenverluste bei der Milch durch andere Standbeine „halbwegs kompensieren“. So seien die Schlachtviehpreise recht gut, und die meisten würden auch Holzwirtschaft betreiben. Dass ein freiwilliger Lieferverzicht einen Ausweg aus der aktuellen Misere eröffnen würde, kann sich Fichtner nicht ganz vorstellen. „Die Themen sind derart komplex, dass es in der Landwirtschaft keine einfachen Lösungen gibt“, sagt er. Er selbst werde sich daher nicht an der Demonstration beteiligen.