Das Geläute kam noch vom Tonband, während rund 200 Gläubige die drei neuen Glocken bewunderten, die festlich geschmückt auf Paletten vor dem Gemeindehaus der evangelischen Christuskirche Utting lagerten. Bis sie hoch im Turm des Neubaus ihre endgültige Bestimmung finden, werden noch einige Tage vergehen.
Utting - Weil die Freude über die Anlieferung der Glocken so groß war, hatte das Pfarrer-Ehepaar Alexandra und Jochen Eberhardt zu einem „Glockenwochenende“ mit Andacht und Familiengottesdienst eingeladen. Selbst der Himmel war gnädig und machte während der Andacht eine Regenpause. Danach ging es im Rohbau der neuen Kirche mit Kaffee und von den Gemeindemitgliedern selbst gebackener Kuchenvielfalt weiter. Musikalisch umrahmt wurde die Feierstunde vom Posaunenchor „Heiligs Blechle“, in dem Pfarrer Dirk Wrendt den Ton angibt.
Ein verheerender Vollbrand hatte in der Nacht vom 25. auf 26. August 2021 die 1927 erbaute Holzknüppelkirche vollständig zerstört, darunter auch den 1931 angebauten Turm mit drei Glocken. Da sie wegen der von Feuer und Hitze verursachten Sprünge irreparabel und damit „unläutbar“ waren, hatte sich das Pfarrerpaar Eberhardt zusammen mit dem Weilheimer Kirchenmusikdirektor und Glockensachverständigen Walter Erdt auf die Suche nach einer Firma gemacht, die Eisenhartguss- bzw. Stahlglocken gießt. Die fand man europaweit nicht, weshalb die neuen Glocken aus Bronze gefertigt wurden. Beim Guss einer der Glocken durften die Eberhardts samt einer Ammersee-Delegation in der traditionsreichen Gießerei Bachert in Neunkirchen im Neckar-Odenwald-Kreis dabei sein.
Wie Pfarrer Jochen Eberhardt bei der Andacht betonte, sei die Ankunft der Glocken ein besonderer Tag der Freude. Er stellte jede der drei Glocken vor, die mit vom Kirchenvorstand ausgesuchten Inschriften verziert wurden. So wiegt die große Glocke 312 Kilogramm, erzeugt den Ton „c“ und trägt das Christus-Versprechen „Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende“. Auf der mittleren Glocke mit Ton „es“ und 212 Kilogramm Gewicht heißt es „Du sollst Gott lieben und Deinen Nächsten wie Dich selbst“. Wenn die kleine Glocke mit 154 Kilogramm und Ton „f“ alleine läutet, wird ein Mensch betrauert und zu Grabe getragen. Die Inschrift der Totenglocke: „Jesus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben“. Gekostet haben die drei Glocken laut Jochen Eberhardt „einen mittleren fünfstelligen Betrag.“
Die drei neuen Glocken werden in derselben Anordnung und Läuterichtung aufgehängt wie bisher. Und sie werden mit Seilen verbunden, damit man sie wie seit jeher in Utting händisch läuten kann. Ein Privileg, um das sich die Kinder der evangelischen Ammersee-Gemeinde reißen.
Der Neubau der Christuskirche mit hohem Wiedererkennungswert wird bei etwas über zwei Millionen Euro liegen. 1,5 Millionen zahlt die Versicherung, 378.000 Euro steuert die Landeskirche bei. Um den Rest sowie das Inventar inklusive Orgel, Altar, Taufstein, Bestuhlung und Glocken muss sich die die Evang.-Luth. Kirchengemeinde Dießen-Utting selbst kümmern. Dazu wurden diverse Spendenaktionen ins Leben gerufen.
Lange Geschichte
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war nur ein verhältnismäßig geringer Anteil der Uttinger Bevölkerung evangelisch. Erst 1927 erhielt der „Evangelische Verein Utting“ in der Laibner Straße einen Betsaal in Holzknüppelbauweise, aber noch ohne Glockenturm. Im hinteren Teil gab es einen kleinen Gemeinderaum, in dem Kindergottesdienste, Bibelstunden und Chorproben stattfanden. Vier Jahre später wurde der Betsaal mit einem Turm für drei Glocken erweitert, mauserte sich also nach landläufigen Maßstäben zu einer richtigen Kirche.
In den folgenden 50 Jahren veränderte sich das Gesicht der Kirche nur geringfügig. Wegen steigender Mitgliederzahl musste ein Gemeindezentrum angebaut werden. Zwischen 1987 und 1990 wurde das Gotteshaus renoviert und bekam den offiziellen Namen „Christuskirche“. Die Kirchenbänke hat man dabei verbannt und Stühle angeschafft, um bei Veranstaltungen flexibel zu sein.