Ab März brauchen Erwachsene Nutzer der Discord-App Gesichtsscan oder Ausweis. Die Community und Datenschützer reagieren mit massiver Kritik.
Die Chat-Plattform Discord steht vor einer Vertrauenskrise. Ab März 2026 führt das Unternehmen weltweit eine verpflichtende Altersprüfung ein – Nutzer müssen sich per Gesichtsscan oder Ausweiskopie verifizieren, um auf bestimmte Inhalte zugreifen zu können. Was Discord als Jugendschutzmaßnahme verkauft, stößt in der Community auf massive Ablehnung. Der Zeitpunkt könnte kaum ungünstiger sein: Erst im Oktober 2025 wurden bei einem Hackerangriff rund 70.000 Ausweisdokumente von Discord-Nutzern gestohlen.
Discord ist eine Kommunikationsplattform, die Chat, Sprachanrufe, Videoanrufe und Streaming vereint. Ursprünglich für Gamer entwickelt, nutzen heute über 200 Millionen Menschen weltweit die App für Communities aller Art – von Hobbygruppen über Bildungseinrichtungen bis hin zu beruflichen Netzwerken. Nicht verifizierte Nutzer werden ab März erheblich eingeschränkt: Altersbeschränkte Server werden komplett ausgeblendet, sensible Inhalte gefiltert, Direktnachrichten von unbekannten Nutzern landen automatisch in einem separaten Posteingang. Wer bereits Mitglied in entsprechenden Servern ist, sieht nur noch einen schwarzen Bildschirm, bis die Verifikation abgeschlossen ist.
„Discord“: Vom Datenleck zur Gesichtserkennung
Die Empörung in den sozialen Netzwerken ist deutlich spürbar. „Ich werde mein Gesicht nicht für eine Chat-App scannen“, schreibt ein Nutzer auf Reddit, wo sich unter Discord-bezogenen Threads regelrechte Protestwellen formieren. Viele drohen offen mit Abwanderung zu Plattformen wie TeamSpeak oder Revolt, die weiterhin anonymen Zugang ermöglichen. Die Kritik richtet sich nicht nur gegen die Maßnahme selbst, sondern vor allem gegen das Timing: Ausgerechnet ein Unternehmen, das vor wenigen Monaten seine Nutzerdaten nicht schützen konnte, verlangt nun noch sensiblere biometrische Informationen.
Der Vorfall vom September 2025 wirft lange Schatten. Hacker verschafften sich Zugang zu einem Drittanbieter-System, das Discord für den Kundensupport nutzte – mutmaßlich Zendesk. Betroffen waren Nutzer, die zuvor Ausweisdokumente zur Altersverifikation oder bei Support-Anfragen eingereicht hatten. Discord versicherte damals, die Dokumente würden nur temporär gespeichert und nach maximal sieben Tagen gelöscht. Die Realität sah offenbar anders aus, denn Kriminelle gelangten an viele sensible Daten, die nicht mehr existieren sollten.
Genau diese Diskrepanz zwischen Versprechen und Wirklichkeit nährt jetzt das Misstrauen. Discord beteuert erneut, dass Video-Selfies für die Altersschätzung das Gerät der Nutzer nicht verlassen würden und Ausweisdokumente sofort nach der Verifikation gelöscht werden. Discord arbeitet mit Drittanbietern wie k-ID und Yoti zusammen, die die eigentliche Verifikation durchführen. Nutzer kritisieren in Online-Foren, dass die Datenschutzerklärungen dieser Unternehmen widersprüchlich formuliert sind. An einer Stelle heißt es, biometrische Daten würden nicht gesammelt – an anderer Stelle ist von „Service Providern“ die Rede, die Zugriff auf Teile der Informationen haben könnten.
Kritik an Jugendschutz als Datensammel-Vorwand wächst
Die Debatte um Discords Altersprüfung ist Teil eines größeren Trends. Weltweit führen Regierungen und Plattformen verschärfte Alterskontrollen ein – oft mit dem Argument des Jugendschutzes. Australien verbietet Social Media für unter 16-Jährige komplett, Dänemark und Norwegen ziehen nach. Doch Kritiker warnen: Jugendschutz wird zunehmend als Vorwand genutzt, um umfassende Überwachungssysteme zu etablieren.
„Das wird unweigerlich die systematische Datensammlung ausweiten und neue Datenschutzrisiken schaffen, ohne klare Beweise, dass es die Sicherheit Jugendlicher verbessert“, erklärt Alice Marwick, Forschungsleiterin bei Data & Society. Die Electronic Frontier Foundation (EFF) geht noch weiter: Altersprüfungssysteme seien „ein ernsthaftes Risiko für Identitätsdiebstahl, Erpressung und andere Verletzungen der Privatsphäre“. Je mehr Stellen persönliche Daten durchlaufen, desto höher die Missbrauchsgefahr. Die Sparkasse modernisiert aktuell ihre Kreditkarten-Technik für mehr Schutz.