Ein mittelalterlicher Turm in Rheinland-Pfalz übertrifft die Schräglage des Turms von Pisa um 1,25 Grad. Das historische Wahrzeichen musste Anfang 2025 vor dem Einsturz bewahrt werden.
Dausenau – Der schiefe Turm von Dausenau im Rhein-Lahn-Kreis stellt seinen berühmten italienischen Kollegen in den Schatten: Mit einer Neigung von 5,22 Grad übertrifft er den Turm von Pisa, der fast vier Grad geneigt ist, um 1,25 Grad. Die rund 1.200 Einwohner von Dausenau waren stets stolz auf ihr schiefes Wahrzeichen. Doch dann trat ein Problem auf: Der 16,39 Meter hohe Turm neigte sich immer weiter, bis er im Januar 2025 kurz vor dem Einsturz stand.
Wie kam es zu dem architektonischen Drama? Ende des 14. Jahrhunderts fertiggestellt als Teil der mittelalterlichen Stadtmauer, stand der ursprünglich 25 Meter hohe sechseckige Turm aus unregelmäßig geformten Natursteinen jahrhundertelang kerzengerade da. Das Problem braute sich im Fundament zusammen: Dausenau liegt an der Lahn, einem Nebenfluss des Rheins. Der schiefe Turm steht am Ortsrand, eine Seite zeigt zum Fluss, die andere zum Berg. Bergseitig ruht der Turm nun fest auf solidem Felsen, zur Fluss-Seite hin aber steht er auf sandig-lehmigem, also instabilem Untergrund – die Konstruktion hielt, solange die Stadtmauer den Turm gestützt hatte.
Mit einem Stück der Stadtmauer brach dem Turm der Halt weg
Anfang des 19. Jahrhunderts wurde ein Teil der Stadtmauer für eine Durchgangsstraße abgerissen, wodurch der Turm seinen Halt verlor und auf der Flussseite in den weichen Untergrund absackte. Seit dem frühen 20. Jahrhundert verschlimmerten Erschütterungen durch den Verkehr die Situation. Die Dausenauer überwachten den Zustand mit Gipssiegeln. Wenn ein Siegel brach, wussten sie, dass der Turm schiefer wurde. 1950 wurde die Turmspitze um 7,5 Meter gekürzt, um die Bewegung zu stoppen – ohne Erfolg.
Im Laufe der vergangenen Jahre zeigte sich immer deutlicher, dass der Dausenauer Turm sozusagen stabilere Beine braucht – ähnlich einem wackeligen Tisch. Im Januar 2025 schließlich wurden die sogenannten „Unterfangungsarbeiten“ erfolgreich abgeschlossen. Das heißt, das Fundament des schiefen Turms wurde verstärkt; unter anderem mit speziellem Harz, das den weichen Lehmboden verfestigt. Weil auch Mörtel aus den Spalten zwischen den Steinen herausgebrochen war, werden diese Zwischenräume aktuell mit frischem Material aufgefüllt, um das Bauwerk weiter zu stabilisieren.
Der schräge Turm in Dausenau bekommt ständig Besuch
Es lohnt sich. Denn der Turm ist äußerst beliebt. Ortsbürgermeisterin Michelle Wittler sagte gegenüber BW24 von IPPEN.MEDIA, es lägen zwar keine touristischen Zahlen vor, aber: „Wenn ich aus dem Fenster im Rathaus direkt auf den Turm schaue, sind ständig viele Besucher zu sehen.“ Falls Turmstabilität und Finanzen es hergeben, möchte sie den Turm mit Wendeltreppe und Aussichtsplattform bestücken, damit er wieder betretbar ist. So wie er es vor Jahrhunderten war, als das Lahntal von dem Turm aus überwacht wurde.
Übrigens: Es gibt nur einen Turm auf der Welt, der schiefer ist als der von Dausenau. Er neigt sich um ganze 5,4 Grad und steht in Gau-Weinheim, also ebenfalls in Rheinland-Pfalz. BW24 hat bereits über den schiefsten Turm der Welt berichtet.