Wenn es um die Krankenhausreform und die Klinikpläne im Landkreis Starnberg geht, wird gerne auf die Bedeutung der Geburtshilfe der Starnberger Kliniken verwiesen. Die Einrichtung in Starnberg ist – zusammen mit der seit 2021 dazugehörigen Geburtshilfe im Klinikum Wolfratshausen – zweitgrößte in ganz Bayern. Sie wird hinsichtlich der Anzahl der Geburten in der Region nur vom Augsburger Josefinum übertroffen.
Starnberg – In der Augsburger Einrichtung wurden vergangenes Jahr insgesamt 3300 Geburten registriert, in den Starnberger Stationen waren es mit 3.229 nur unerheblich weniger. Das sind fast neun Geburten täglich. Jede einzelne ist einzigartig für Familien, Ärzteschaft und Hebammen. Wie sich die Geburtshilfe in Starnberg entwickelt hat und was werdende Mütter und deren Familien in den Starnberger Kliniken erwartet, erklären die langjährigen Mitarbeiterinnen Dr. Jessica Reif (Leitende Oberärztin der Geburtshilfe in Starnberg) und die leitende Hebamme Katrin Haberzettl.
Die Geschichte der Geburtenstation in Starnberg ist lang und verbunden mit der des Kreiskrankenhauses selbst. 1965 wurde es in Betrieb genommen. Damals war die Geburtshilfe für 2000 Geburten jährlich ausgelegt. Einen Aufschwung erlebte der Fachbereich 1993 mit dem Umzug der Frauenklinik am See in der Wildgruber-Villa in Niederpöcking in das Kreiskrankenhaus. Denn der 1977 eröffneten und über den Landkreis hinaus und sogar im Ausland bekannte Klinik mangelte es an Expansionsfläche, was sie zum Umzug bewog. Damit wurde im Klinikum nicht nur die Kapazität erhöht, sondern hielt auch die in der Wildgruber-Klinik praktizierte „Sanfte Geburt“ Einzug ins Klinikum. Was heißt, dass Männer mehr und mehr bei Schwangerschaftsvorbereitung und der Geburt dabei waren und sich Ärzte wie Hebammen zusehends den Bedürfnissen der werdenden Mütter öffneten, was beispielsweise Geburtsposition und Entspannungsphasen betrifft. 2008 wurden die zwei Hebammenteams im Klinikum zusammengelegt und ein vierter Kreißsaal eröffnet.
„Schwierige Zeit“ wegen Schließungen
Einen weiteren Boom erlebte die Geburtshilfe Starnberg, als die Geburtenstationen im Landkreis Weilheim-Schongau, 2017 in Weilheim und 2023 in Schongau, wegen Personalmangels geschlossen wurden und 2017 die Kliniken in Bad Tölz und Gräfelfing ihre Geburtsstationen aufgaben. „Das war eine schwierige Zeit“, erinnert Dr. Jessica Reif, die seit zwanzig Jahren im Klinikum beschäftigt ist. Die Station in Starnberg musste umgerüstet werden, denn es sollten weiterhin alle gewünschten Geburten dort stattfinden können.
„Wir haben Frauen mit Wehen auch in dieser Zeit nie abgelehnt“, blickt Katrin Haberzettl stolz zurück, die Hebamme bringt ihre Erfahrung seit über 25 Jahren in Starnberg ein. Man versuche bis heute auch bei Engpässen uneingeschränkt für die Frauen da zu sein. Selbst wenn die geplante Verschnaufpause dadurch einmal ausfällt, die Mahlzeit, sogar der Gang zur Toilette. Wenn die frischgebackenen Eltern am Ende sagen, alles sei ruhig abgelaufen, sei das größte Kompliment. Denn dann sei es – trotz Stress und Hektik hinter den Kulissen – gelungen, den werdenden Eltern die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie bei der Geburt ihres Kindes brauchten.
Manpower ist gefragt – eine Herausforderung
Durchgehend eine hohe Leistung abliefern zu können, das ist nur mit „viel Manpower“ zu schaffen, bestätigen die beiden. In Zeiten von knappen Budgets und Fachkräftemangel spiele der Klinik die personelle Regelbesetzung in die Karten – Hebammen, Pflegepersonal und Fachärzte sind 24 Stunden vor Ort und werden bei Geburten bei Bedarf hinzugezogen. Ärzte sind, wenn alles normal läuft, nur am Schluss dabei und betreuen die Geburt ansonsten im Hintergrund mit. Zudem führen sie Kaiserschnitte durch, überwachen Risikogeburten oder werden bei Komplikationen einbezogen. Das ist zum Beispiel bei Frühgeburten, Zwillingen oder auffälligen Herztönen des Kindes der Fall.
Aktuell kümmern sich in Starnberg 30 Ärzte in Geburtenstation, Gynäkologie und Anästhesie um die Gebärenden und ebenso viele freiberufliche Hebammen. Die Kinderstation nicht mitgerechnet, in der beispielsweise Frühgeburten aufgenommen werden und Kinder, bei denen es bei der Geburt Probleme gab. Ab der 30. Schwangerschaftswoche können Frauen in Starnberg entbinden. Freiberufliche Hebammen stellen bundesweit etwa achtzig Prozent des Personals. Aktuell kämpft der Berufsstand bundesweit mit Unterstützung des GKV-Spitzenverbands, dem alle Krankenkassen angehören, um eine gerechte Entlohnung. Denn die hohe Versicherungsleistung, mit der sich freiberufliche Hebammen absichern müssen, dezimiert ihre Einnahmen enorm und soll nun noch um weitere zwanzig bis dreißig Prozent gekürzt werden, erklärt Katrin Haberzettl. Im November soll es eine Entscheidung geben.
Wie geht‘s weiter mit Hebammen-Honorar?
Das Personal in der Klinik versucht stets, den Gebärenden den Geburtsvorgang so angenehm wie möglich zu gestalten. Medizinisch und organisatorisch hat sich im Lauf der Jahre viel verbessert: Es gibt kaum noch Damm-Schnitte, bei denen Muskeln irreparabel durchtrennt werden. Mit 60 Prozent wird von Frauen eine schmerzlindernde Rückenmarksanästhesie (PDA) wesentlich häufiger genutzt als früher, weil die Risiken deutlich reduziert werden konnten. Die Neugeborenen sind von Geburt an bei ihren Müttern bzw. Familien im Zimmer, so kann der Alltag gleich eingeübt werden. Häufig nutzen die Väter die Möglichkeit, die ersten Tage mit Frau und Kind gemeinsam im Krankenhaus zu verbringen. Im sogenannten Wahlleistungshaus mit dreißig Betten kann in Starnberg zwischen einem Aufenthalt in einem Familienzimmer in der Wochenstation und der sogenannten Residence Starnberger Kliniken (mit Hotelcharakter und Aufpreis) gewählt werden.
Angestrebt wird stets eine möglichst interventionsarme Geburt
Herausforderung in der Zukunft sei, bei den Gebührenverhandlungen der freiberuflichen Hebammen (Dienstbeleghebammen) eine gute Lösung zu finden, so Katrin Haberzettl. Schließlich wollen die langjährig beschäftigten Hebammen werdende Müttern in der Klinik weiterhin unterstützen – etwa durch den Zwölf-Stunden-Dienst, der Gebärenden oft einen Hebammenwechsel während der Geburt erspart. Und sie wollen weiterhin mit ihren vertrauten Kollegen zusammenarbeiten – für das Wohl der Patientinnen. „Viele sind schon sehr lange da“, sagt Dr. Jessica Reif und ist sich sicher, dass die Erfahrung und gute Zusammenarbeit im Team das große Pfund der Geburtshilfe Starnberg sind.
Bestreben sei stets eine „möglichst interventionsarme Geburt“ und am Ende eine glückliche und gesunde Mutter mit Kind und Partner. Um das zu erreichen, haben die Wünsche der werdenden Mutter in den Geburtenstationen der Starnberger Kliniken nach Abwägung der Risiken oberste Priorität.
Angestellte werden mit Gefühlen in Extremsituationen konfrontiert
Eine Geburt ist für Eltern ein einzigartiges Erlebnis. Doch auch das Klinikpersonal wird beim Geburtsprozess häufig mit „Gefühlen in Extremsituationen“ konfrontiert, mit Liebe und Ängsten. Das sei psychisch und physisch überaus anstrengend. Eine Hebamme dürfe „nie einen schlechten Tag haben“, sagt Katrin Haberzettl, dafür sei eine Geburt zu verantwortungsvoll: „Wir dürfen keinen Fehler machen.“ Am Ende sei es die Liebe und die Geburt selbst, die auch das Team halte.
Mutter Lisa Zeqiri: „Von der Aufnahme bis zur Station war alles toll“
„Ich hatte nur Positives gehört, das hat sich auch bestätigt!“ Lisa Zeqiri aus München ist wenige Tage nach der Geburt ihres zweiten Kindes Leart in Starnberg voll des Lobes über das Geburtsteam. „Von der Aufnahme bis zur Station war und ist alles toll“, sagt sie, Sie fühle sich gut aufgehoben, auch wenn sie zehn Stunden gekämpft hat, bis ihr Sohn das Licht der Welt erblickte.
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