Trotz geplanter Sozialstaatsreform droht 2026 vielen Beschäftigten weniger Netto vom Brutto. Die Sozialabgaben könnten bis 2035 erstmals 50 Prozent erreichen.
Berlin – Während die Bundesregierung an einer umfassenden Sozialstaatsreform arbeitet, warnen Arbeitgeber vor drastisch steigenden Sozialabgaben, die sich zu einem „Nettoklau“ für Millionen Beschäftigte entwickeln könnten.
Eine aktuelle Studie des Berliner IGES-Instituts im Auftrag der Krankenkasse DAK-Gesundheit zeichnet laut lohn-info.de ein alarmierendes Bild: Der Gesamtsozialversicherungsbeitrag, der für Kinderlose derzeit bei 42,7 Prozent liegt, könnte bis 2035 erstmals die 50-Prozent-Marke erreichen. Bei ungünstiger Entwicklung sei sogar ein Anstieg auf knapp 54 Prozent möglich.
Die Projektion zeigt auf, dass bereits 2029 der Gesamtbeitragssatz über 46 Prozent liegen würde, im Negativszenario sogar oberhalb von 47 Prozent. Ohne grundlegende Finanzierungsmaßnahmen müsse mit einem Anstieg des Gesamtbeitragssatzes um rund sieben Prozentpunkte gerechnet werden.
BDA reagiert alarmiert – „Sozialversicherungsabgaben rasen auf die 50 Prozent zu“
Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), reagiert gegenüber dem Tagesspiegel alarmiert: „Die Sozialversicherungsabgaben rasen auf die 50 Prozent zu – das ist Nettoklau bei den Beschäftigten und treibt die Arbeitskosten immer weiter in die Höhe.“ Er bezeichnete dies als ein „hausgemachtes Problem“.
Der BDA-Chef fordert ein kurzfristiges „Ausgabenmoratorium“: „Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung dürfen nicht schneller steigen als die Einnahmen.“ Zudem seien strukturelle Reformen notwendig, darunter die Einführung eines Primärarztsystems, die Ausweitung und Dynamisierung von Zuzahlungen, eine Neuordnung der beitragsfreien Mitversicherung von Ehepartnern und die Konsolidierung der Krankenhauslandschaft.
Sozialstaatsreform als Hoffnungsträger
Parallel zu den Warnungen vor steigenden Kosten arbeiten Bund, Länder und Kommunen an einer tiefgreifenden Reform des Sozialstaats. Die Kommission zur Sozialstaatsreform hat 26 konkrete Empfehlungen vorgelegt, die heute um 13 Uhr an Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) übergeben werden sollen.
Die zentrale Elemente der geplanten Reform sind die Zusammenführung von Bürgergeld, Kinderzuschlag und Wohngeld in einem einzigen System. Die Behörden sollen von vier auf zwei (Jobcenter und Sozialämter) reduziert werden. Außerdem soll nach der Geburt das Kindergeld automatisch ausgezahlt werden.
Die Präsidentin des Deutschen Caritas-Verbands, Eva Welskop-Deffaa, begrüßte die Reformvorschläge: „Die Verwaltung wird effizienter, und für die Menschen werden die Sozialleistungen einfacher zugänglich und besser verständlich. Das ist eine zentrale Voraussetzung, um das Vertrauen in den Sozialstaat zu stärken.“
Steigende Sozialausgaben durch demografischen Wandel
Die steigenden Sozialabgaben sind maßgeblich auf den demografischen Wandel zurückzuführen. Während die Zahl der Beitragszahler sinkt, steigt die Zahl der Leistungsempfänger. Besonders die Rentenversicherung und die Pflegeversicherung stehen unter enormem Druck.
Die geplanten Reformen sollen nicht nur die Verwaltung effizienter machen, sondern auch dazu beitragen, die Finanzierung des Sozialstaats langfristig zu stabilisieren. Ob dies gelingt, wird maßgeblich davon abhängen, wie schnell und konsequent die vorgeschlagenen Maßnahmen umgesetzt werden können.
Für die 26 Millionen Beschäftigten in Deutschland steht viel auf dem Spiel: Ohne erfolgreiche Reformen droht ein weiterer Anstieg der Abgabenlast, der das verfügbare Einkommen erheblich schmälern würde. (Quellen: dpa, Tagesspiegel, lohn-info.de) (sot)