Paris dreht durch: „The Ghosts of Versailles“ in Regensburg

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Schräg, üppig und durchgeknallt: Szene aus der Inszenierung von Sebastian Ritschel und Ronny Scholz. © Marie Liebig

Figaro trifft den Geist von Marie Antoinette trifft Beaumarchais: „The Ghosts of Versailles“ ist ein schräger Opernhybrid. Dem Theater Regensburg glückt damit erneut ein Coup.

Ihr Kopf trennte sich vom Rumpf im Oktober 1793. Im Blutdurst der Französischen Revolution musste Königin Marie Antoinette ihr Leben lassen. Im Jenseits freilich ist das Haupt wieder dran, doch die Dame ist elegisch bis melancholisch gelaunt. Vor allem: verliebt. In Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, Dichter der „Figaro“-Komödien und damit Vorlagenlieferant für Rossini und Mozart. Erstunken und erlogen ist diese Liaison und doch zentral für „The Ghosts of Versailles“, einer schrägen, maßlosen Oper.

Das Theater Regensburg stemmte zum Saisonauftakt den aufwendigen Dreistünder (inklusive einer Pause), seinerzeit 1991 zum 100. Geburtstag der New Yorker Met dortselbst uraufgeführt. Die größten Spürhunde (mindestens) der bayerischen Opernszene haben da einen weiteren Coup gelandet. Der inszenierende Hausherr Sebastian Ritschel und Co-Regisseur Ronny Scholz führen vor, wie man dem Zweiakter von John Corigliano am besten begegnet – mit einer üppigen Ausstattungsaugenweide (Christophe Ouvrard) und Monty-Python-Humor.

John Corigliano schreibt wirkungsbewusste Musik

Corigliano, als zeitgenössischer Komponist gut beschäftigt und für die Filmmusik zu „Die rote Violine“ mit einem Oscar geehrt, ist ein versierter Bediener. Dem Orchester kommt das zugute, das in Neonfarben schillern darf, erst recht dem Gesangspersonal: Die Partien sind kantabel gehalten, manchmal gibt es dankbare Nummern, die Richtung Musical schielen. Musikalisch sind „The Ghosts of Versailles“ eine wirkungsbewusste Melange aus gehobener U-Musik, aufgeschrillter Moderne und, wenn es an die Moral und ans Finale der G’schicht geht, einer Schale Kitsch zum Dessert.

Vor allem aber schimmern Mozart und Rossini durch, was mit der Handlung zu tun hat. Die lässt sich kaum nacherzählen und spielt auf drei Ebenen inklusive Theater auf dem Theater. Da ist die gemeuchelte Königsfamilie, da ist der ebenfalls verblichene Beaumarchais. Und da ist das Personal aus den „Figaro“-Opern, die Geschöpfe von Beaumarchais also, die der Dichter benutzen will, um der Geschichte eine andere Abzweigung zu verpassen: Aus Liebe möchte er Marie Antoinette das Schafott ersparen. Was diese allerdings in erneuter Lamento-Laune für sich ablehnt: Wir müssen unser Schicksal akzeptieren, auch unsere Verantwortung für unser Leben, so die zentrale Aussage.

Eine gut geölte Aufführung wie am Broadway

In Regensburg begegnen uns also weiß geschminkte Barock-Gespenster, die dennoch nie zu Karikaturen missraten. Tatsächlich sind das (trotz aller Aufgekratztheit) dreidimensionale, plausible Charaktere. Virtuos ist dies durchgeführt, in Details, auch in der Chor-Regie. Eine gut geölte Aufführung, das Timing ist perfekt wie am Broadway. Dass Corigliano mit seinem Hybrid etwas (zu) viel wollte, teilt sich auch mit. Besonders aber erstaunt, wie die Inszenierung die Spiel-Ebenen trennt und diese nachvollziehbar verschränkt. Vor der Pause knallt das Personal durch, Corigliano versteigt sich zur Parodie aufs zeitgenössische Musiktheater mit schwerer Hurz-Gefahr. Der US-Amerikaner, man vernimmt es, sehnt sich nach vergangenen Opernzeiten. Nach der Pause wird alles ernster, tiefsinniger, auch das macht die Inszenierung plausibel.

Generalmusikdirektor Stefan Veselka lotst das Ensemble und sein stark gefordertes Orchester sicher und lustvoll durch die Partitur. Die ist äußerst vertrackt, verlangt Reaktionsschnelligkeit. Und trotzdem klingt es, als mache das Stück allen einen Heidenspaß. Zwei Dutzend Darstellerinnen und Darsteller sind erforderlich, ein Riesenensemble. Hervorhebungen sind da unfair, und trotzdem: Iida Antola ist eine Marie Antoinette mit fein justiertem Diven-Aplomb und reicher Stimme, Seymour Karimov gibt einen kantig-kraftvollen Beaumarchais, Benedikt Eder ist ein so viriler wie flexibler Figaro, aufhorchen lässt auch Theodora Varga (Rosina) mit attraktiver Vokalsubstanz. Eine Leistungsschau und Zumutung im besten Sinne ist dieser Abend – wird Zeit, dass die Regensburger endlich Staatstheaterweihen bekommen.

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