Die Ukraine baut für den Kampf gegen Russland nun ihre eigenen Marschflugkörper. Experten schätzen ein, was die Modelle ausrichten können.
Kiew – Auf den Taurus wartet die Ukraine augenscheinlich vergeblich. Mittlerweile baut das von Russland überfallene Land seinen eigenen Marschflugkörper, der zumindest in gewisser Weise an das deutsche Vorzeigemodell erinnert. Der Flamingo – auch bekannt als FP-5 – der Firma Fire Point ist derzeit in aller Munde. Noch fragen sich aber auch Experten, was von den Flugobjekten im Ukraine-Krieg zu erwarten ist.
Große Hoffnungen hat er jedenfalls an Bord. Und nicht nur die. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ) vergleicht der Sicherheitsexperte Fabian Hoffmann von der Universität Oslo den Flamingo mit dem „Taurus-Penetrator, der mit 950 Kilometer pro Stunde Geschwindigkeit einschlägt, mit 400 Kilogramm Sprengstoff“.
Ukraine setzt auf Flamingo: Fachmann sieht Vorteile in großer Reichweite und Zerstörungskraft
Für ihn ist nach den ersten Erfahrungen klar: „Jetzt haben die Ukrainer die Chance, wirklich Zerstörung anzurichten. Mit dem Flamingo scheppert es richtig.“ Von einer Reichweite von bis zu 3000 Kilometern ist die Rede, der Sprengkopf soll 1150 Kilogramm wiegen, das maximale Startgewicht 6000 Kilogramm betragen.
Damit gehört die Konstruktion zu den „weltweit größten und weitreichendsten bodengestützten Marschflugkörpersystemen“, wie Fabian Hinz schreibt. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter für Raketentechnologien und Drohnen bei der britischen Denkfabrik International Institute for Strategic Studies (IISS).
Zugleich gibt der Fachmann zu bedenken, dass der Flamingo nicht so widerstandsfähig wie moderne Marschflugkörper ist, da er groß ist, keine Tarnung besitzt und keine Schallgeschwindigkeit erreicht. Diese Schwäche könnte aber durch die große Reichweite teilweise ausgeglichen werden. In seiner Analyse erwähnt Hinz auch die deutlich höhere Zerstörungskraft im Vergleich mit leichteren Flugobjekten.
Experten über Flamingo: „Könnte in großer Menge den Ukraine-Krieg beeinflussen“
Über die Größe des Flamingo schreibt auch die unabhängige Verteidigungsexpertin Patricia Marins auf ihrem X-Account. „Es ist eine Sache, leichte und schwer zu entdeckende Drohnen über russisches Territorium zu fliegen, aber etwas ganz anderes, wenn es ein acht bis zwölf Meter langes Flugobjekt ist, das auf dem Radar deutlich sichtbarer ist“, betont die gebürtige Brasilianerin.
Sie ergänzt: „Wenn diese Raketen im Ausland produziert und dann in großen Mengen zur Montage in die Ukraine geschickt werden, könnte das den Krieg beeinflussen.“ Der Flamingo werde „eine große Bewährungsprobe für die russische Verteidigung sein, und einige dieser Raketen werden mit Sicherheit Ziele treffen“. Bislang ist bekannt, dass der Treibstoff in Dänemark produziert werden soll.
Welche Ziele können Flamingos zerstören? Militärbasen und Munitionsdepots wohl gefährdet
Hoffmann nennt in der SZ „Flugbasen, Militärbasen, Logistikzentren, Munitionsdepots“ als mögliche Ziele. Da der Hersteller angebe, der Flamingo würde in der Hälfte der Fälle in einem Radius von weniger als 14 Metern treffen, könne etwa bei einer Öl-Raffinerie großer Schaden angerichtet werden. „Ein gehärtetes Ziel wie etwa einen Kommandobunker aber muss ich schon ziemlich genau treffen, sonst ist der nur schwer zu durchbrechen“, gibt der Doktorand am Oslo Nuclear Project zu bedenken: „Und hier habe ich derzeit noch Zweifel.“
In seinem Blog Missile Matters ließ er sich auch über den ersten bekannten Angriff unter Nutzung von Flamingos aus. Drei der Marschflugkörper seien auf einen russischen Außenposten in Armjansk auf der Krim, etwa 100 Kilometer südöstlich von Cherson, abgefeuert worden. Eine der Raketen habe das Hauptgebäude getroffen, eine zweite sei 200 Meter entfernt niedergegangen, die dritte verschwunden.
Zwar werden die ukrainischen Streitkräfte und der Hersteller auf eine bessere Leistung gehofft haben, vermutet Hoffmann. Dennoch dürften die Mindesterwartungen erfüllt worden sein, sollte es sich vor allem um einen Machbarkeitsnachweis gehandelt haben.
Flamingo im Ukraine-Krieg: „Russland muss Flugabwehr tiefer im Land verteilen“
Er schätzt, dass der Angriff drei Millionen US-Dollar gekostet haben dürfte. Daher sei es umso wichtiger, „dass künftige Salven Wirkung zeigen“. Der Einflussbereich wird sich aber nicht nur auf die von den Invasoren eroberten Gebiete erstrecken.
Flamingo „könnte Russland dazu zwingen, die eigene Flugabwehr weiter und tiefer im Land zu verteilen“, mutmaßt Hoffmann in der SZ: „Wenn der Hersteller einhalten kann, was er verspricht, dann wird der Flamingo Russland richtig wehtun.“ (Südddeutsche Zeitung, International Institute for Strategic Studies, Missile Matters, X; mg)