Ein besonderes Gasthaus im Landkreis Biberach erzählt eine 400-jährige Geschichte. Einst ein gesellschaftliches Zentrum, ist es heute ein verfallener Lost Place.
Laupheim – Die Geschichte des sogenannten Hotels Post reicht über 400 Jahre zurück und begann 1599 mit der ersten Erwähnung als „Güldener Hirsch“. Zu jener Zeit gehörte die Tafernwirtschaft den Reichsrittern von Welden, die dem Gasthaus besondere Rechte wie Brau-, Brenn- und Backofenrecht verliehen.
Im Jahr 1839 erwarb der geschäftstüchtige Laupheimer Kreuzwirt Johann Nepomuk Enderle den „Güldenen Hirschen“ von den finanziell angeschlagenen Reichsrittern. Enderle gelang ein bemerkenswerter Schachzug: Er verlegte die königlich-württembergische Post- und Pferdewechselstation der wichtigen Route Ulm-Buchhorn (heute Friedrichshafen) vom Gasthof „Adler“ in seinen „Hirschen“. Diese Poststation erwies sich als Glücksgriff, da hier Postkutschen hielten, Pferde gewechselt wurden, Reisende übernachteten und man die neuesten Nachrichten erfuhr. Enderle ließ zudem ein spezielles Postbier brauen. Da der „Hirsch“ bald zu klein wurde, errichtete Enderle ein eigenes Postgebäude daneben, das bis heute steht, jedoch ebenfalls leer ist.
Reicher Bankier macht das Hotel zum „ersten Haus am Platz“
1894 erwarb der wohlhabende jüdische Bankier Kilian Steiner das Anwesen und verwandelte den alten barocken Bau fast vollständig im Stil des späten Historismus. Das Gebäude erhielt seine markanten Merkmale: einen vorgezogenen Giebel mit kleeblattartigem Ornament, das Prunkfenster mit württembergischem Wappen und die charakteristischen spitzen Türmchen. Der erhaltene barocke Festsaal wurde zum gesellschaftlichen Zentrum für Tanzveranstaltungen – das Hotel Post galt nun als das „erste Haus am Platze“. Mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie Laupheim-Schwendi im Jahr 1904 entstand jedoch Konkurrenz durch ein neues Bahnhofshotel.
Verlassenes „Geister-Restaurant“ mit Soße auf den Tischen
Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die Besitzer das Haus für amerikanische Soldaten räumen. In den späten 1960er- und 70er-Jahren erlebte das Hotel eine letzte Blütezeit – alteingesessene Laupheimer berichten, dass man dort „mit Schlips und Kragen“ verkehrte. Doch häufige Besitzer- und Pächterwechsel führten dazu, dass zu wenig in Renovierungen investiert wurde. Nach einem griechischen Restaurant eröffnete zuletzt eine chinesische Familie den „Kaisergarten“ – ohne Hotelbetrieb und Festsaal. 2009 endete der Betrieb endgültig: Die Pächter verschwanden und ließen alles zurück, sogar die Töpfchen mit scharfer roter Sauce auf den Tischen.
2011 erwarb die Stadt Laupheim das verfallende Gebäude, ließ es jedoch mangels Nutzungsideen ungenutzt. Der prächtige Barocksaal war mit Schrott gefüllt, und Vandalismus setzte dem Bau zu. Als das Hotel auf die Abriss-Liste kam, gründete Professor Frank Hevert 2014 die Initiative „Bürgerpost Laupheim“. Die Sanierungskosten wurden auf 9,8 Millionen Euro geschätzt, weshalb der Stadtrat mehrheitlich für den Abriss stimmte. 2019 beschloss der Gemeinderat jedoch, die Post als Volkshochschule (VHS) zu nutzen, unterstützt von 1,2 Millionen Euro Fördermitteln des Landes.
Unklare Zukunft
Das markante Gebäude mit seiner historistischen Fassade und dem württembergischen Wappen steht heute in altrosa Farbe da und zeigt deutliche Verfallserscheinungen. Das Hotel Post bleibt ein „Lost Place“. Obwohl der Gemeinderat 2019 die Nutzung als VHS beschlossen hatte und Fördermittel zugesagt wurden, wurde das Projekt nicht umgesetzt. Die VHS ist stattdessen am Stadtbahnhof untergebracht. Die Zukunft des stadtbildprägenden Baus bleibt nach über 400 Jahren Geschichte ungewiss.
Ein anderes Gebäude in Baden-Württemberg, von dem unsere Redaktion hier erzählt hat, galt einmal als eines der schönsten und besten Hotels Deutschlands. Lust, mehr über verlassene Orte im Ländle zu erfahren? Hier hat unsere Redaktion über einige berichtet.