Uruguay hat die Energiewende schon jetzt geschafft

Uruguay, das kleine Agrarland an der Atlantikküste zwischen Brasilien und Argentinien, deckt heute 98 Prozent seines Strom- und 64 Prozent seines gesamten Energiebedarfs mit erneuerbaren Energien ab: Windenergie, Biomasse, Solaranlagen und Wasserkraft. Eine radikale Wende, denn vor nicht einmal 20 Jahren war Öl die Hauptenergiequelle des südamerikanischen Landes.

Die Zeitenwende begann mit einer Krise

Die Energie-Zeitenwende begann in Uruguay mit einer Krise: Anfang der 2000er-Jahre stieg der Rohölpreis auf dem Weltmarkt immer weiter an, bis im Jahr 2008 ein Barrel Öl stolze 140 US-Dollar kostete. Eine Katastrophe für Uruguay, zumal vor dem Hintergrund der weltweiten Wirtschaftskrise. 

Das Land deckte damals 80 Prozent seines Energiebedarfs mit Erdöl und war damit anfällig für weltweite Schwankungen bei den Ölpreisen.

Der damalige Nationale Energiedirektor im Ministerium für Industrie, Energie und Bergbau, Ramón Méndez Galain, ein Physiker, wollte diesen Zustand beenden: Uruguay sollte unabhängig von Importen, resilienter gegenüber Stromausfällen und zu einem der saubersten Länder weltweit werden. Mit dieser Vision trieb Méndez die Energiewende voran. 

Uruguay ist das zweitkleinste südamerikanische Land. Die 3,5 Millionen Menschen leben hauptsächlich von der Landwirtschaft, von kleinen, aber modernen exportorientierten Branchen und von sanftem Tourismus, der auf Kultur, Natur und Lebensstil setzt. Uruguay hat keine Schwerindustrie, keine Kohle-, Erdgas- oder Erdöl-Vorkommen – ist dafür aber reich an Wind, Sonne, Wasser und Biomasse.

„Lässt sich definitiv anderswo wiederholen“

„Die uruguayische Lösung lässt sich definitiv anderswo wiederholen“, sagte Méndez Galain im Oktober 2023 bei einem Vortrag im Rahmen der berühmten „Ted Talks“. „Wer Menschen und Unternehmen hat, die Forschung betreiben und künstliche Intelligenz weiterentwickeln und Raketen bauen, für den sollte es nicht so schwer sein, ein neues Marktmodell und ein neues Energiemanagement auszuarbeiten.“

Das wichtigste, zumindest nach Ansicht von Méndez Galain: Kommunikation. In seiner Zeit als Energiedirektor warnte weder mit erhobenem Zeigefinger vor den Folgen des Klimawandels noch formulierte er abstrakte Ziele. „Das Narrativ muss geändert werden“, sagte er in einem Interview mit der taz. In Uruguay haben wir niemanden mit dem Klimawandel überzeugt, das war ein zweitrangiges Argument.“ 

Vielmehr sollten die Menschen von dem wirtschaftlichen Nutzen der Energie aus Windkraftanlagen und Solarmodulen überzeugt werden. Sie sollten merken, dass sie einen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten.

Und er fuhr große Kampagnen, um alle Bevölkerungsteile mitzunehmen: Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter informierten über die Vorteile der Energiewende und erklärten, wie sich Familien und Anwohner finanziell an den Projekten beteiligen können. Auch Haushalte mit kleinem Geldbeutel bekamen über sogenannte Community-Fonds die Chance zur Teilhabe. Eigentümer, die ihr Land für Windkraftprojekte verpachteten, erhielten dafür Geld vom Staat.

Schulterschluss der ganzen Gesellschaft führte zum Erfolg

Das Ergebnis: Ein Schulterschluss zwischen allen politischen Parteien im Parlament, Unternehmen und der Zivilgesellschaft. Alle trugen den Plan der Energiewende mit. Die Energiewende wurde in der nationalen Gesetzgebung festgeschrieben. 

Die besondere Herausforderung war die Finanzierung: „Statt Öl und Gas mussten Windräder und Solarpaneele, importiert werden“, sagt Méndez im Interview. Uruguay startete 2009 ein Bieterverfahren, um das Geld für die vielen neuen Windanlagen aufzutreiben. Die günstigsten Stromproduzenten aus dem Ausland wurden ausgewählt. Der staatliche Energieversorger UTE garantierte ihnen einen fixen Abnahmetarif für den Strom über einen Zeitraum von 20 Jahren.

Staat und private Unternehmen investierten von 2010 bis 2022 rund sechs Milliarden US-Dollar in den Ausbau erneuerbarer Energien, was zwölf Prozent des uruguayischen Bruttoinlandsprodukts entspricht.  Uruguay erreichte sein Ziel, bis 2015 die Hälfte seines Strombedarfs mit erneuerbaren Energien zu decken, bereits zwei Jahre früher. Von 48 Prozent im Jahre 2008 sank der Anteil an fossilen Energien bis 2022 auf zwölf Prozent. Uruguay sparte so auch erheblich an CO2-Emissionen.

50 Windparks und über 700 Windräder stehen in den Bergen und an der Küste des kleinen Landes, das halb so groß ist wie Deutschland. 50.000 neue Jobs seien durch den Umstieg auf erneuerbare Energien entstanden, viele Fachkräfte aus Betrieben der fossilen Energiewirtschaft wurden umgeschult, sagt Méndez Galain, der zahlreichen Ländern wie der Dominikanischen Republik, Chile oder in Europa gearbeitet hat und  heute Regierungen in Lateinamerika bei der Energiewende berät. 

Er ist davon überzeugt, dass eine Energiewende wie in Uruguay in jedem Land möglich ist. Beim TED-Talk machte er eine Vergleichsrechnung auf: Würde beispielsweise die USA den gleichen Anteil ihres Bruttoinlandproduktes in die Energiewende investieren wie Uruguay, würden dort sieben Millionen neue Jobs entstehen. 

Colonia del Sacramento. Uruguay
Colonia del Sacramento an der Küste von Uruguay: Das südamerikanische Land ist reich an Sonne, Wind und Wasser. Getty Images

Würden alle so leben wie die Uruguayer …

Das klug-pragmatisches Vorgehen der gesamten Gesellschaft von Uruguay mutet in Deutschland wie Utopia an. Die Ampelregierung scheiterte auch am Kommunikationsdesaster und internen Streitigkeiten bei den Änderungen des Heizungsgesetzes (Habecks „Heizungs-Hammer“). Auf die Frage, was er heute den Grünen empfehlen würde, sagt Méndez im Interview: „Als Grüner in Deutschland würde ich sagen, dass die erneuerbaren Energien in erster Linie die beste Lösung für Deutschlands Wirtschaft und seine Menschen und nicht für den Klimawandel sind. Sie machen unabhängig von Importen fossiler Brennstoffe, sie sind billiger und verhindern extreme Preisschwankungen.“

Die Transformation, die Uruguay geschafft hat, sei in jedem Land der Welt möglich, sagte Méndez beim TED-Talk. Dazu seien allerdings drei Voraussetzungen nötig: "Eine starke politische Führung, ein starker Wille voranzukommen und eine breite politische Einigung." 

Uruguay, vor knapp zwei Jahrzehnten noch überwiegend auf Erdöl angewiesen, hat sich mit vereinten Kräften zum weltweiten Vorbild bei der Nutzung erneuerbarer Energien gemausert. Ein Vergleich: Der globale Erdüberlastungstag fiel 2025 auf den 24. Juli. Das ist der Tag, an dem die Menschheit alle natürlichen Ressourcen verbraucht hatte, die die Erde im gesamten Jahr regenerieren kann. In Uruguay fiel der Erdüberlastungstag auf den 17. Dezember. Das ist so spät wie in keinem anderen Land der Welt. Deutschland hatte ihn bereits am 3. Mai gerissen. 

Uruguay hat seine 2008 gesteckten Ziele erreicht.  Würden alle Menschen auf der Welt so leben wie die Uruguayer, wären die natürlichen Ressourcen der Erde fast bis zum Jahresende ausreichend — deutlich länger als bei den meisten anderen Ländern. 

Die wichtigste Botschaft, die Méndez dem Publikum beim TED-Talk mitgeben wollte, um dies zu erreichen, sei: "Erneuerbare Energien sind nicht länger eine Lösung für die Klimakrise. Erneuerbare erlauben uns, ein starkes, zuverlässiges und robustes Energiesystem zu bauen, das Kosten stabilisiert und uns unabhängig von  Schwankungen auf dem Weltmarkt und von politischen Krisen macht." Und die Zeit dafür sei "jetzt", sagt Méndez, "nicht 2040, noch nicht einmal erst 2030". 

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