„Nichts mit Schickimicki“: Wenige Wirte halten Tölzer Nachtleben aufrecht

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In Feierstimmung: Gabriele Hüsken (hinten, 3. v. li.) feierte mit ihrem Team heuer das zehnjährige Bestehen ihrer „Bar N19“. Sie ist überzeugt, dass das Tölzer Nachtleben noch immer einiges zu bieten hat. © Hüsken

Legendäre Lokale sind verschwunden, das Ausgehverhalten hat sich verändert. Doch einige Wirte kämpfen weiter für das Nachtleben in Bad Tölz.

Bad Tölz – Das Tölzer Nachtleben war einst legendär – eine Ära, die mit Namen wie „Turmkeller“, „St. Tropez“ oder „Café Klatsch“ verbunden ist. Für eine andere Generation war dann die Diskothek Blu eine feste Anlaufstelle. Doch all diese Lokale gibt es lange nicht mehr, und im Frühjahr schloss mit dem „Pistolero“ auch der letzte Tölzer Club. Wie also ist es heute um das Tölzer Nachtleben bestellt? Die Meinungen gehen auseinander.

Als der Tölzer Kurier seine Leserinnen und Leser auf Facebook diese Frage stellt, winken die meisten in ihren Kommentaren ab. „Es gibt in Tölz kein Nachtleben mehr“, fasst es auch die 29-jährige Sandra in einem Telefoninterview zusammen. Sie selbst habe in jüngeren Jahren „drei Ären des ,Blu‘ mitgemacht“, berichtet sie. Die Disco im Moraltpark hatte unter neuen Betreibern später andere Namen wie „Pride Club“ und „Part III“, schloss aber endgültig vor neun Jahren. „Außerdem war früher das ,Subraum‘ sehr wichtig in Tölz“, erinnert sie sich. „Das war wie ein Wohnzimmer.“

„Rocks Off“ bleibt eine Institution

Aber heute? „Bekannte von mir, die nicht aus Tölz kommen und hier im Hotel übernachtet haben, wollten nach 22 Uhr noch einen Absacker nehmen, aber sie haben nichts gefunden“, sagt Sandra. Lediglich an drei Tagen im Jahr sei in Bad Tölz nachts etwas los: an Leonhardi, beim Reichersbeurer Faschingszug – den es allerdings nur alle zehn Jahre gibt – und am 23. Dezember, wenn viele ehemalige Schüler traditionell ihre Klassentreffen abhalten.

Diese Darstellung will Gabriele Hüsken so nicht stehen lassen. Klar, die Zeiten hätten sich geändert. „Als wir jung waren, war unser Problem: Gehen wir ins ,Bananas‘, in den ,Turmkeller‘, das ,St. Tropez‘, das ,Arena‘, ,Niagara‘ oder ins ,Klatsch‘?“, erinnert sich die 56-Jährige. „Wir haben uns damals nicht über Politik, Weltkrisen und Klimawandel unterhalten. Wir haben hart gearbeitet und hart gefeiert.“ Heute habe ein Teil der jungen Leute kein so großes Interesse mehr am Ausgehen. Dennoch: In Bad Tölz „hat man schon noch was“, betont Hüsken und zählt Namen auf: „Kesselhaus“, „Jailhouse“, „Gasthaus“, „Klick“, „Rocks Off“, „D‘Bar“, „Kult“. Hüsken leistet auch selbst einen Beitrag zur Belebung des Nachtlebens: Ihre „Bar N19“ feiert heuer zehnjähriges Bestehen.

Beliebter Club mit lockerer Atmosphäre

„Wie die Jungfrau zum Kind“ sei sie damals dazu gekommen, erzählt die Tölzerin, die sich hauptberuflich um die Verwaltung und Vermietung von Immobilien kümmert. Das Haus an der Nockhergasse sei in Familienbesitz. Als die Räumlichkeiten der heutigen Bar leer standen, „wollten wir sie nicht auskühlen lassen und haben einen Schwedenofen hineingestellt“. Bei einer privaten Geburtstagsparty ihres Mannes „haben wir dann festgestellt, was für eine coole Location das ist“. Und nach ein paar Partys mehr „wollten wir es nicht mehr weggeben“. Und so zog Gabriele Hüsken zusammen mit Steffi und Nadine Günzinger die „Bar N19“ auf.

„Wir wollten eine private Atmosphäre schaffen, nach dem Motto: so, wie es früher war – nichts mit Schickimicki.“ Mit der Zeit habe sich die Bar etabliert. Sie hat von Oktober bis Juni jeden Freitag und Samstag geöffnet und ist laut Hüsken meist gut besucht, gerade zu vorgerückter Stunde. „Oft geht es erst um Mitternacht los, und bis der letzte Gast gegangen ist, kann es schon 4 oder 5 Uhr werden.“ „Nicht beklagen“ kann sich nach eigenen Worten auch Anton Bernwieser, der seit drei Jahren das „Rocks Off“ an der Badstraße führt. „Wir sind in Tölz eine kleine Institution und Kult“, meint er. Tatsächlich existiert die Rockkneipe seit über 30 Jahren und ist somit die große Konstante im Tölzer Nachtleben. „Manchmal kommt man bei uns nicht mehr rein“, sagt der 37-Jährige. Ein Faktor könne freilich auch sein, dass sich das Nachtleben heute auf ein bis zwei Anlaufstellen konzentriere. „Früher hat man fünf bis sechs Bars abgeklappert, und überall war was los.“

Mehr Vielfalt wäre wünschenswert

Ein weiterer verbliebener Ausgeh-Fixpunkt in der Innenstadt ist „D‘Bar“ am Amortplatz. Jeden Freitag ist hier von 20 bis 3 Uhr geöffnet. Inhaber Thomas Rinner berichtet, dass es auch hin und wieder Abende mit Live-Musik und Tanzveranstaltungen gibt. Wie viele Leute kommen, das sei aber unberechenbar. „Es gibt Abende, da stehen wir uns die Beine in den Bauch, und in den nächsten Wochen geht es dann wieder volle Kanne los“, sagt Rinner. Allgemein ist aus seiner Sicht aber in den vergangenen Jahren eine gewisse Zurückhaltung im Ausgehverhalten spürbar. Seine Beschreibung fürs Tölzer Nachtleben lautet daher: „durchwachsen“. Der 38-Jährige würde sich mehr Vielfalt wünschen. „Vielfalt belebt. Ich bin der Letzte, der andere als Konkurrenz sehen würde.“