Tränengas, brennende Fahrzeuge und abgeschaltetes Internet: Im Iran eskalieren die Proteste. Was Augenzeugen über einen dramatischen Abend in Teheran berichten.
Teheran – Die umfangreichsten Proteste seit dem Start der aktuellen Demonstrationswelle im Iran vor über einer Woche ereigneten sich in der Nacht zum Freitag (9. Januar), als Zehntausende den Ajatollah-Kaschani-Boulevard in der Hauptstadt Teheran bevölkerten, wie Videos in den sozialen Netzwerken zeigen. Die Aufnahmen wurden von der Nachrichtenagentur AFP verifiziert. Augenzeugen berichteten von Sicherheitskräften, die mit Tränengas gegen vermummte Demonstranten vorgingen. Videos zeigen brennende Fahrzeuge der Sicherheitskräfte in Teheran.
Auch in zahlreichen weiteren Großstädten flammten die Demonstrationen wieder auf, nachdem in den vergangenen Tagen vorwiegend Menschen der westlichen Provinzen demonstriert hatten. In der Millionenstadt Maschhad im Nordosten berichteten Augenzeugen von großen Protesten. Es sei „wie ein Krieg“, beschrieben Anwesende die Szenen auf den Straßen. Zur Verhinderung einer solchen Zuspitzung hatte Präsident Massud Peseschkian seine Sicherheitskräfte noch am Mittwoch zur Zurückhaltung aufgerufen.
Regime im Iran schaltet Internet wegen der Proteste ab
Gleichzeitig schalteten die Behörden des Regimes den weltweiten Internetzugang für die Bevölkerung ab. Das Land befinde sich in einem „Internet-Blackout“, berichtete die auf Netzsperren spezialisierte Organisation Netblocks. Ein kleiner Teil des Militär- und Machtapparats dürfte das Internet weiter frei nutzen können. Auch per Telefon waren Kontakte im Iran zunächst nicht mehr erreichbar.
Zahlen des IT-Unternehmens Cloudflare zeigten bereits am Donnerstag einen Einbruch des Web-Traffics um 100 Prozent. Die vollständige Internetsperre erinnert an das Vorgehen des Staates vor sechs Jahren: Damals protestierten die Menschen hauptsächlich wegen steigender Benzinpreise. Der Staat verhängte eine fast einwöchige Sperre, während der Schätzungen von Menschenrechtlern zufolge Hunderte Demonstrierende getötet wurden.
Am Donnerstagabend hatten Menschen von Fenstern und Balkonen Slogans gegen die Staatsmacht gerufen. „Tod dem Diktator“ und „Das ist der letzte Kampf, Pahlavi kommt zurück“, hallte über die Dächer. Reza Pahlavi, Sohn des 1979 gestürzten Schahs, hatte für Donnerstag und Freitag zu Protesten aufgerufen.
45 Tote bei aktuellen Protesten im Iran
Die neue Protestwelle erschüttert den Iran seit Ende Dezember. Die Proteste entstanden durch eine massive Wirtschaftskrise und einen plötzlichen Absturz der landeseigenen Währung Rial. In Teheran gingen daraufhin wütende Händler auf die Straße. Mittlerweile erfassen die Demonstrationen das gesamte Land.
Bislang kamen bei den Protesten 45 Demonstranten ums Leben, wie die in Oslo ansässige Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHRNGO) mitteilte. „Die Fakten zeigen, dass die Repressionen von Tag zu Tag gewalttätiger und umfassender werden“, sagte Direktor Mahmood Amiry-Moghaddam. (Quellen: AFP, dpa) (ktho)