Die „Winterreise“ als Aquarell: Benjamin Appl und Daan Boertien beim Rathauskonzert in Landsberg

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Ein Aquarell von Schuberts Winterreise boten (l.) Pianist Daan Boertien und Bariton Benjamin Appl dem Publikum des Rathauskonzertes. © Setzer

Landsberg – Wenn Bariton Benjamin Appl Lieder singt, entsteht ein Bild. „Kunstlied mit Klavier ist für mich häufig wie ein Maler, der ein kleines Aquarellbild malt“, sagt der 41-Jährige im Interview mit dem BR. Ein Bild, das er mit „feinem Pinsel“ gestalte. Appls Aquarell der „Winterreise“ bekam das Publikum beim Rathauskonzert am Sonntagabend zu sehen: ein Liederzyklus ohne Manierismus und ein Interpret, der das Werk in den Vordergrund stellt.

„Schauerliche Lieder“ nannte Franz Schubert seine „Winterreise“-Vertonung der Gedichte Wilhelm Müllers, die der Komponist mit 1827 als 30-Jähriger fertigstellte – ein Jahr vor seinem Tod. Das „schauerlich“ bezieht sich auf die pessimistische Grundstimmung der 24 Lieder, fast durchgehend in Moll, voller Melancholie und Todessehnsucht, aber auch einem Hauch Gruselschauer, wie es in der Schwarzen Romantik Ende des 18. Jahrhunderts hipp war – siehe E.T.A. Hoffmanns „Sandmann“.

Ein Hotspot der Romantik: das Wandern als Flucht vor dem restriktivem Staat – und als Rückzug ins Innere. Auch das lyrische Ich der Winterreise wandert. Aber Schuberts Liederzyklus hat keine ‚Handlung‘, ist vielmehr eine Aneinanderreihung von Momentaufnahmen.

Die Klavierstimme ist dabei Partner der Singstimme und ‚illustriert‘ lautmalerisch das Bellen der Hunde „Im Dorfe“ oder das Krächzen der Krähen im gleichnamigen Lied. Der niederländische Pianist Daan Boertien setzt die Klavierstimme hinter die Singstimme zurück – wodurch die musikalische Erzählstimme ab und zu etwas zu ‚leise‘ wird. Boertien scheint sich dabei Appl anzupassen. Denn der nimmt sich in seiner Interpretation des Liedzyklus‘ – im Gegensatz zu seinem Lehrer Dietrich Fischer-Dieskau – stark zurück. Nur geringe Bewegungen mit den Händen begleiten seine Stimmmodulation: vom samtenen Flüstern bis zum dramatischen Deklamieren, das an Musik zu Stummfilm-Sequenzen erinnert.

Dabei steht für den Regensburger Appl die Komposition im Vordergrund: In seiner Stimme bildet er seine Emotionen ab – der Text ist teilweise nur Fußnote, auch wenn der Sänger seine Interpretation der Winterreise als ein „Dreieck zwischen Texter, Komponist und Interpret“ bezeichnet. Die Text-‘Vernachlässigung‘ tut der hohen Intensität des Abends aber keinen Abbruch. Appl betont, dass jede seiner „Winterreisen“ anders sei. Denn der Bariton geht mit dem Publikum in Interaktion, durch Blickkontakte, durch ein Mitnehmen der Zuhörer auf eine ganz persönliche Reise.

Eine besondere „Winterreise“ hat Appl für einen BBC-Film unternommen, wie er erzählt: auf dem Julierpass in Graubünden, auf 2.284 Metern Höhe. Einen Tag vor der Aufnahme sei es noch Herbst gewesen, „am Tag der Aufnahmen waren wir dann im Schneesturm vier Stunden im Auto eingeschneit.“ Bei Minusgraden zu singen „war eine Herausforderung“, sagt Appl. „Aber es war ein grandioses Projekt.“

Wie sehr Appl die Musik in den Vordergrund stellt, zeigt sich ebenfalls im Gespräch mit ihm: „Es steht nicht viel in Schuberts Noten“, sagt er, „da ist keine Note überflüssig.“ Er habe sich anfangs auf der Bühne mit dem Liederzyklus „fast verloren“ gefühlt. „Aber es ist einfach gute Musik. Man fühlt eine direkte Wahrhaftigkeit, man fühlt den Menschen.“ Und der ist Appl wichtig, weshalb er Schubert laut BR-Interview liebend gerne kennengelernt hätte, „vielleicht im Heurigenlokal“.

Der Schubert, den Appl und Boertien im ausverkauften Festsaal vorstellten, war spannend, intensiv, hochempfindsam und stieß auf große Sympathie: Das Publikum dankte mit Bravorufen und begeistertem Applaus.

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