„Da ist keine Wertschätzung da“ - Landwirte klagen über zu hohe Auflagen und zu niedrige Lebensmittelpreise

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Petra Bauernfeind moderierte die Podiumsdiskussion „Fragen an die Landwirtschaft.“ Auch das Publikum beteiligte sich angeregt. © Samantha Ernst

Bei einer Veranstaltung der Freien Wählern diskutieren Landwirte über das Bio-Siegel und ihren Arbeitsalltag. Auch das Publikum beteiligt sich mit vielen Fragen.

Erding/Bergham – Stimmengewirr dringt durch den Saal beim Lindenwirt in Bergham. Die sechs Hauptsprecher der Podiumsdiskussion „Fragen an die Landwirtschaft“ der Freien Wähler haben sich mittig platziert. Darunter auch Moderatorin Petra Bauernfeind. Für die Landwirte unter ihnen muss die Politik noch etwas mehr tun. Die Lebensmittelpreise sind zu niedrig, Mindestlohn ist nicht drin und viele Auflagen, wie beispielsweise für das Bio-Siegel, sind zu hoch. Wohnungsnot, Krähen und die Wälder beschäftigen das Publikum.

„Typisch gibt es bei mir nicht“, sagt Mariella Fürmetz über ihren Tagesablauf. Sie und ihr Mann Andi betreiben neben ihrer Landwirtschaft einen Hofladen, verkaufen Produkte auf den Bauernmärkten in Erding und Bockhorn. Auch Maxi Brielmair, der einen Hof mit 180 Kühen besitzt, stimmt dem zu. „Alle meinen, der Bauer arbeitet nur, wenn er auf dem Feld steht.“ Doch es gibt so viel mehr: Papierkram, Bulldogs warten, Waldarbeit, Tierhaltung. Einig sind sich aber alle Sprecher: Die Landwirte bräuchten mehrere Standbeine als Sicherheit.

„Bei 20 Kühen ist das vielleicht ganz romantisch, aber nicht bei 180“

Bei den Auflagen zieht es aber vielen den Boden unter den Füßen weg. „Du weißt nicht, was der Politik als nächstes einfällt“, sagt Helene Barth. Sie besitzt eine Biogasanlage, mit der sie sich und ihre Nachbarn mit Wärme versorgt hat. Doch inzwischen ist die Anlage aus, sie konnten die Auflagen nicht mehr erfüllen. „Das macht mich fuchsig“, sagt Barth. Auch „Lebensmittel sind nicht einfach“, erklärt Fürmetz. Hygienevorschriften, entsprechende Räume. Und was fast keiner der Anwesenden mehr erfüllen kann: die Voraussetzungen für das Bio-Siegel.

Denn inzwischen sei Weidehaltung Voraussetzung. „Bei 20 Kühen ist das vielleicht ganz romantisch, aber nicht bei 180“, sagt Brielmair. Auch er wirtschaftet konventionell und weiß, dass man selbst bei erfüllten Bio-Auflagen zuerst auf einer Warteliste stehe, um die Produkte überhaupt als bio zu verkaufen. „Wir haben fast kapituliert“, stimmt Rainer Mehringer mit Blick auf den Druck und die Kontrollen zu. Inzwischen ist der Hof auf Konventionell umgestiegen. Einzig Barths Sohn hat auf Bio umgestellt.

„Wir betreiben die Landwirtschaft, um Geld zu verdienen“

Auf die Frage aus dem Publikum, ob die Bauern mit ihrer Arbeit, „realistisch auf Mindestlohn kommen“ wird es unruhig. Manches müsse man schon „ehrenamtlich machen“, gesteht Fürmetz. „Wir betreiben die Landwirtschaft, um Geld zu verdienen“, sagt Mehringer dagegen, der seinen Hof nicht hauptberuflich führt. „Der Käufer bestimmt den Preis“, sagt Brielmair.

Doch die Deutschen geben nur wenig Geld für Lebensmittel aus, wie Bauernfeind erklärt. „Da ist keine Wertschätzung da“, sagt Fürmetz. Natürlich sei Kochen bei vielen auch eine Zeitfrage. Dennoch mache sich keiner bewusst Gedanken darüber, was er überhaupt esse. So könne die Kommunalpolitik, wie einer der Zuschauer einwirft, doch beispielsweise in Schulen verlangen, einen regionalen Lebensmittelanteil einzubringen. „Da stößt die Politik an ihre Grenzen“, widerspricht Mehringer. Er sehe es kritisch, „junge Familien noch weiter zu belasten“, die dann diese höheren Kosten zahlen müssten.

„Die Landwirtschaft hat hier noch einen hohen Stellenwert“

Auf die Frage nach Wohnungsnot wirft Kreistagskandidat Georg Els ein, dass viele Wohnungen leer stehen würden. Dennoch bejaht Jakob Maier die Frage nach Innenverdichtung, „da wo es möglich ist.“ Auch das Krähen-Thema findet einen Platz in der Diskussionsrunde. „Steht die Stadt hinter uns Bauern?“, fragt Franz Bauschmid. Ziel sei, das Problem landkreisweit in den Griff zu bekommen, betont Bauernfeind.

Sorgen aus dem Publikum wegen des Fichtenrückgangs in den Wäldern kann Mehringer schnell nehmen. „Die Tanne ersetzt die Fichte als Bauholz komplett.“ Die immer präsenter werdende Digitalisierung ist für Brielmair „ein fluchender Segen“. Abschließend versichert Mehringer: „Die Landwirtschaft hat hier noch einen hohen Stellenwert.“