Wozu überhaupt eine Reiseapotheke?
Ob Kreuzfahrt, Fernreise oder Aktivurlaub – kleine und größere medizinische Zwischenfälle gehören leider zum Reisealltag. Besonders in Regionen mit eingeschränktem Zugang zur Gesundheitsversorgung kann eine gut bestückte Reiseapotheke entscheidend sein. Dabei gilt: Weniger ist nicht mehr – aber unnötiger Ballast hilft auch keinem. Was wirklich mit muss, erkläre ich aus über 25 praktischen Einsätzen als Notfallmediziner auf entlegenen Inseln.
Dr. Markus Klingenberg ist ein erfahrener Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, spezialisiert auf arthroskopische Eingriffe und Fußchirurgie. Er leitet die Abteilung für Arthroskopie an der Beta Klinik in Bonn. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle. Die Inhalte stellen seine persönliche Auffassung auf Basis seiner individuellen Expertise dar.
1. Was gehört in jede Reiseapotheke?
Die Grundausstattung:
- • Schmerz- & Fiebermittel (z. B. Paracetamol, Ibuprofen)
- • Medikamente gegen Durchfall, Elektrolytpräparat
- • Reiseübelkeit, allergische Reaktionen (Antihistaminika), Erkältungssymptome
- • Salben gegen Insektenstiche & Sonnenbrand
- • Sonnenschutz & After-Sun, Insektenschutz
- • Nasenspray, Augentropfen, Ohrentropfen (besonders für Taucher wichtig)
- • Wund- & Heilsalbe, Desinfektionsmittel
Für kleine Notfälle:
- • Verschiedene Pflaster, Blasenpflaster, sterile Kompressen
- • Mullbinden, elastische Binde, Verbandklammern
- • Desinfektionstücher, Einmalhandschuhe
- • Pinzette, Schere (nicht im Handgepäck), Kühlkompresse
- • Fieberthermometer, Sicherheitsnadeln
Für lange oder besondere Reisen zusätzlich:
• Reise-Kompressionsstrümpfe (siehe unten)
• Ohrstöpsel, Schlafmaske, feuchtigkeitsspendende Nasensalbe
• Ersatzbrille/Kontaktlinsen
• Mückennetz, Trinkwasserentkeimungstabletten
• Medizinischer Kühltransport z. B. für Insulin
2. Wie beugt man auf Reisen Thrombose & Kreislaufproblemen vor?
Viele unterschätzen die Risiken langer Sitzzeiten – vor allem während Flugreisen. Doch mit ein paar einfachen Maßnahmen lassen sich Thrombosen effektiv vermeiden:
• Ausreichend trinken! Wasser und ungesüßter Tee – mindestens einen halben Liter pro vier Flugstunden. Alkohol und Kaffee möglichst meiden.
• Bewegung hilft: Im Sitzen Füße und Beine regelmäßig bewegen, alle 1–2 Stunden aufstehen.
• Kompressionsstrümpfe tragen – besonders wichtig bei Vorerkrankungen, Schwangerschaft, Übergewicht oder zusätzlichen Risikofaktoren.
• Bequeme Kleidung, keine engen Schuhe.
Diese vermeintlich “kleinen” Dinge können ernsthafte Gesundheitsrisiken entscheidend mindern.
3. Welche Unterlagen sind wirklich entscheidend im Notfall?
Ein vollgepackter Medikamentenbeutel bringt wenig, wenn wichtige Dokumente fehlen. Diese Basics sollten immer mitreisen – am besten doppelt (Papier + digital):
• Impfpass (auch elektronisch)
• Reiseversicherungspolice inkl. Notfallnummern
• EHIC oder anderweitiger Versicherungsschutz
• Medikamentenliste mit Wirkstoffen, Dosierung und Handelsnamen (idealerweise englisch)
• Atteste bei Spritzenpflicht, Insulin, BtM- oder Kühlmedikation
• Allergie-, Diabetiker-, Asthma-Ausweise
• Tauchtauglichkeitsbescheinigung (bei geplanten Tauchaktivitäten)
• Sport-/Belastbarkeitsatteste, wenn sportliche Herausforderungen geplant sind
• Kopie des Reisepasses, Personalausweises, Flugtickets & Kreditkarte
• USB-Stick/Cloud-Zugang mit allen Dokumenten als Backup
4. Was müssen chronisch Kranke, Allergiker oder Diabetiker beachten?
Für Menschen mit chronischen Erkrankungen ist die Reiseapotheke keine Option, sondern Pflicht:
• Medikamente mindestens für die doppelte Reisedauer mitnehmen.
• Notfallmedikamente (z. B. Adrenalinpen, Asthmaspray) griffbereit am Körper tragen.
• Insulin gut kühlen, Notfallsets mitführen (z. B. bei Unterzuckerung).
• Ausweis und mehrsprachige Notfallkarten bei sich führen – für das medizinische Personal im Ausland oft überlebenswichtig.
• Medikamente in Originalverpackung mit Beipackzettel mitnehmen – bei Kontrollen hilfreich.
• Bei Unsicherheiten: Einfuhren vorab mit der Botschaft des Ziellandes klären – z. B. für starke Schmerzmittel, Spritzen, bestimmte Psychopharmaka.
5. Welche Zusatzinfos und Kontakte sollte man immer griffbereit haben?
Was oft vergessen wird – aber im Ernstfall Gold wert ist:
• Liste aller Mitreisenden mit Notfallkontakt
• Telefonnummer von Angehörigen und Hausarzt/Facharzt
• Kontaktdaten des Reiseveranstalters & nächstgelegener Botschaft
• Vorerkrankungen und OP-Historie auf einen Blick (bei großen Touren oder Tauchurlauben)
• ICE-Kontakt ins Handy einspeichern („In Case of Emergency“)
Extra-Tipp: Rechtzeitig kontrollieren!
Nichts ist ärgerlicher – und riskanter – als ein abgelaufenes Medikament oder eine fehlende Versicherung im Ernstfall. Daher:
• Zwei Wochen vor Reisebeginn alles durchsehen.
• Medikamente auf Haltbarkeit prüfen.
• Neue Reiseversicherungsdaten besorgen.
• Dokumente scannen & sicher ablegen.
Fazit – Weniger Stress, mehr Sicherheit
Eine durchdachte Reiseapotheke ist keine Last – sie schafft Freiheit. Wer vorbereitet ist, reist entspannter – und schützt sich und andere. Die wichtigste Empfehlung zum Schluss: Immer individuell denken. Der perfekte Reiseapotheken-Mix hängt von Ziel, Dauer, mitreisenden Personen und chronischen Erkrankungen ab.
Mit Wissen, Struktur und einem kleinen medizinischen Werkzeugkasten wird jede Reise gesünder – und sicherer.
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Bildquelle: Markus Klingenberg
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