Die Schutzkonstruktion von Tschernobyl ist nicht für Angriffe ausgelegt. Ein Einsturz könnte radioaktiven Staub freisetzen. Die Lage bleibt angespannt.
Tschernobyl – Die schützende Strahlungsabschirmung rund um das ehemalige Kernkraftwerk Tschernobyl steht nach Angaben der Werksleitung unter akuter Gefahr. Sollte die Konstruktion erneut von russischen Raketen oder Drohnen getroffen werden, könne sie einstürzen – mit unvorhersehbaren Folgen für die Umgebung.
Der Direktor des Kraftwerks, Sergei Tarakanow, warnt vor einem Szenario, das die Sicherheitsarchitektur des Standorts überfordern könnte. Bereits ein Einschlag in unmittelbarer Nähe könne starke Erschütterungen auslösen, die die Stabilität der Anlage gefährden.
Einsturzgefahr des Kernstrahlungsschutzes von Tschernobyl nach neuen Angriffen
In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Agence France-Presse sagte Tarakanow: „Wenn eine Rakete oder Drohne direkt einschlägt oder sogar in der Nähe niedergeht, zum Beispiel eine Iskander, Gott bewahre, wird das ein Mini-Erdbeben in der Umgebung auslösen. Niemand kann garantieren, dass die Schutzkonstruktion dann stehen bleibt.“
Diese Gefahr sei derzeit die größte Bedrohung für den Standort. Die Schutzkonstruktion sei nicht für militärische Angriffe des Ukraine-Kriegs ausgelegt worden, sondern für die langfristige Eindämmung radioaktiver Strahlung.
Tschernobyl: Warum die Lage so brisant ist
Die Katastrophe von 1986 gilt als der schwerste Nuklearunfall der Geschichte. Damals trat aus dem mangelhaften sowjetischen Reaktor massive radioaktive Strahlung aus, die noch in Nordeuropa messbar war und die sowjetische Führung schließlich zum Eingeständnis des Unglücks zwang.
Sollte die heutige Schutzhülle einstürzen, könnten radioaktiver Staub und Partikel aus dem beschädigten Reaktor 4 entweichen. Die Ukraine und angrenzende Regionen wären erneut dem Risiko einer Kontamination ausgesetzt.
Aufbau des Strahlungsschutzes des ehemalige Kernkraftwerks Tschernobyl
Der Strahlungsschutz von Tschernobyl besteht aus zwei zentralen Elementen: dem inneren Sarkophag, der den zerstörten Reaktor unmittelbar umschließt, und der äußeren Hülle, dem sogenannten New Safe Confinement (NSC). Diese gigantische Stahlkonstruktion wurde errichtet, um den alten Sarkophag zu stabilisieren und die Freisetzung radioaktiver Stoffe zu verhindern.
Ein russischer Drohnenangriff im Februar 2025 verursachte erhebliche Schäden an der NSC. Dabei wurde ein Loch in die Stahlkonstruktion geschlagen, zudem brach ein Großbrand aus. Zwar seien keine dauerhaften Schäden an tragenden Strukturen oder Überwachungssystemen festgestellt worden, doch das Inspektionsteam der International Atomic Energy Agency kam zu einem alarmierenden Ergebnis. Die NSC habe „ihre primären Sicherheitsfunktionen verloren, einschließlich der Fähigkeit, die Strahlung einzudämmen“.
Der Angriff riss ein großes Loch in das Dach der NSC und verursachte rund 300 kleinere Öffnungen, unter anderem durch den Einsatz von Feuerwehrleuten bei der Brandbekämpfung. Die Reparaturen dauern bis heute an.
Tschernobyl: Jahre bis zur vollständigen Wiederherstellung
Nach Einschätzung von Tarakanow könnte es drei bis vier Jahre dauern, bis die Sicherheitsfunktionen der NSC vollständig wiederhergestellt sind. „Unsere NSC hat einen Teil ihrer wichtigsten Funktionen verloren. Und uns ist bewusst, dass wir mindestens drei bis vier Jahre brauchen werden, um diese Funktionen wiederherzustellen“, sagte er gegenüber AFP. Zugleich betonte der Kraftwerksdirektor, dass die gemessenen Strahlungswerte auf dem Gelände derzeit „stabil sind und im normalen Bereich bleiben“.
Auch IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi äußerte sich besorgt. „Es wurden begrenzte, vorläufige Reparaturen am Dach durchgeführt, aber eine rechtzeitige und gründliche Instandsetzung bleibt entscheidend, um eine weitere Verschlechterung zu verhindern und die nukleare Sicherheit langfristig zu gewährleisten“, sagte Grossi. Die Anlage bleibt damit trotz laufender Arbeiten anfällig für neue Angriffe in dem von Wladimir Putin entfachten Ukraine-Krieg – mit potenziell weitreichenden Folgen über die Ukraine hinaus. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsweek.com)