Der pazifische Inselstaat Tuvalu erlebt einen dramatischen Massenexodus. Mehr als die Hälfte der Einwohner will ihre Heimat verlassen.
Tuvalu – „Hoffentlich ist es noch da, wenn wir in Rente gehen“, beschreibt ein Mann namens Tupa seinen Zukunftstraum. Mit „es“ meint er seine Heimat Tuvalu, wie Islands Business berichtet. Tuvalu droht zu versinken. Tupa und seine Frau leben in Australien. „Der Plan war, hier zu arbeiten, und wenn die Kinder groß sind, gehen wir für den Ruhestand zurück nach Tuvalu.“ Ob das möglich sein wird, so wie es sich das Paar vorgestellt hat?
Der winzige Inselstaat im Südpazifik, dessen höchster Punkt gerade einmal fünf Meter über dem Meeresspiegel liegt, steht vor einer beispiellosen Herausforderung. Der steigende Meeresspiegel, eine direkte Folge des Klimawandels, droht die Heimat der rund 10.600 Einwohner zu ertränken. Die Reaktion der Menschen in Tuvalu ist alarmierend: Fast die Hälfte der Bevölkerung hat bereits Visa für eine Umsiedlung beantragt.
Konkret stellten 5157 der rund 10.600 Einwohner Tuvalus Anträge auf ein australisches Visum. Die Anträge wurden innerhalb weniger Wochen gestellt, nachdem Australien ein Sondervisum-Programm für die vom Klimawandel bedrohte Nation eingeführt hatte.
Klimawandel macht Nation unbewohnbar: Experten warnen vor rasantem Untergang
„Leider dürfte Tuvalu das erste Land der Welt sein, das aufgrund des Klimawandels unbewohnbar wird. Und das geschieht rasant“, warnte das Kinderhilfswerk Unicef bereits 2024.
Tuvalus Premierminister Feleti Teo steht vor einem Dilemma: „Versetzen Sie sich in meine Lage als Premierminister von Tuvalu. Ich denke über Entwicklung nach, über Dienstleistungen für die Grundbedürfnisse unseres Volkes, und gleichzeitig werde ich mit einer sehr beunruhigenden und verstörenden Prognose konfrontiert“, sagte er im Juni auf der Ozeankonferenz der Vereinten Nationen in Nizza, Frankreich.
Die geografischen Gegebenheiten lassen keine Alternative zu: „Eine interne Umsiedlung in Tuvalu ist keine Option, wir sind völlig flach“, erklärte der Premierminister Feleti Teo am 12. Juni. „Es gibt keine Möglichkeit, ins Landesinnere oder auf höher gelegenes Gebiet umzuziehen, weil es kein höher gelegenes Gebiet gibt.“
Australien bietet Ausweg: Dauerhaftes Aufenthaltsrecht für bedrohte Insulaner
Die australische Regierung reagierte 2023 auf die existenzielle Bedrohung Tuvalus. Sie bot den Bewohnern ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht an. Das Programm sieht vor, jährlich 280 Menschen aus Tuvalu aufzunehmen.
Die Plätze sollen ab dem 25. Juli durch ein Zufallsverfahren vergeben werden. „Wenn die Zahl der Anträge in Zukunft in gleichem Maße anhalte, könnte die gesamte Bevölkerung Tuvalus innerhalb von 40 Jahren in Australien leben“, berichtet die australische Nachrichtenseite News.com.au. Seine Souveränität als Staat soll Tuvalu aber behalten, wie CNN berichtet.
Düstere Prognose für Tuvalu: 95 Prozent binnen Jahrzehnten unter Wasser
Tuvalu, bestehend aus neun Inseln, ragt an seiner höchsten Stelle gerade einmal fünf Meter aus dem Meer. Wissenschaftler prognostizieren, dass bis 2100 bei Flut bereits 95 Prozent des Landes unter Wasser stehen werden. Ähnliche Szenarien drohen weltweit auch anderen tief liegenden Regionen. Daher arbeitet ein Architekt an schwimmenden Städten.
Der Südpazifik ist besonders vom Klimawandel betroffen. Der Meeresspiegel steigt hier im Zuge der globalen Erderwärmung besonders schnell. Nicht nur Tuvalu, sondern auch andere Inseln in der Region werden in den nächsten Jahrzehnten weitgehend überschwemmt werden. Die Situation in Tuvalu macht deutlich: Der Klimawandel ist keine abstrakte Zukunftsbedrohung mehr. Er zwingt bereits heute Menschen dazu, ihre Heimat aufzugeben.