„Erziehung zum Töten“?: Neue Gruppe stellt sich gegen Wehrpflicht

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Überzeugter Pazifist: Jürgen Göbel berichtete über die Nachkriegsjahre. Er ist 1940 geboren – und weiß, wie schwer das Leben seinerzeit war. © Privat

Das „Forum für Frieden“ hat einen Diskussionsabend über die Wehrpflicht eingeladen. In der Flößerei vereinte die Gäste ein Gefühl: großes Unbehagen.

Wolfratshausen - Das Thema bewegte die Menschen in der Vorweihnachtszeit trotz vieler Ablenkungen. Kürzlich hatte das „Forum für Frieden“ deshalb zu einem Diskussionsabend über die Wehrpflicht eingeladen. Einer der Gründer der Initiative ist der Wolfratshauser Dr. Hans Schmidt. Er verspürt „großes Unbehagen“, wenn er von Kriegstüchtigkeit, Wehrpflicht und militärischen Überlegungen in den Nachrichten hört – und ist nicht alleine damit. Dieses Gefühl vereinte alle 25 Gäste in der Flößerei.

Europa sei Russland waffentechnisch überlegen

Schmidt verwies auf die jüngste Veröffentlichung des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI, nach der die Nato – auch ohne die USA – Russland in allen wichtigen Waffengattungen überlegen sei. Diese Überlegenheit werde laut SIPRI auch künftig bestehen, weil Russland bei konventionellen Waffentechnologien mindestens zehn Jahre hinterherhinke und zunehmend Schwierigkeiten habe, moderne Waffensysteme eigenständig zu entwickeln. Schmidt stellte daraufhin die Frage, wem das aktuelle Aufrüstungsgerede nütze, und verwies auf die vergleichsweise geringe Wirtschaftskraft Russlands, die nur zehn Prozent der EU betrage. Die aktuelle Diskussion um die sogenannte Zeitenwende und einen starken Anstieg der Militärausgaben bezeichnete er als „irrational“.

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Barbara Buchwieser beleuchtete das neue „Wehrpflichtmodernisierungsgesetz“, das ihrer Ansicht nach faktisch die allgemeine Wehrpflicht wieder einführe. Sie kritisierte die zunehmende Militarisierung des öffentlichen Lebens und die gezielte Ansprache von Kindern und Jugendlichen für militärische Zwecke. Sie fragte laut Pressemitteilung, „ob wir uns abfinden mit dem Umbau der Gesellschaft auf Kriegstüchtigkeit und einer Erziehung zum Töten und Sterben.“ Sie war anderer Meinung: Vielmehr braucht es eine Erziehung zu Friedenstüchtigkeit, Solidarität und Achtung vor dem Leben. Hans Gärtner zog Parallelen zwischen den Gräueln des Ersten Weltkriegs und der aktuellen Lage im Ukraine-Krieg: Damals wie heute seien Soldaten in einem mörderischen Stellungskrieg gefangen.

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Bewegende Schilderung der Nachkriegsjahre

Jürgen Göbel wurde 1940 geboren. Er schilderte als Zeitzeuge bewegend die schwierige Nachkriegszeit. Besonderen Fokus legte er auf die Kriegerwitwen, wie seine Mutter, die ihre Kinder mit Mühe durchbringen musste. Lucia Schmidt berichtete aus 20 Jahren therapeutischer Arbeit mit traumatisierten Kriegsteilnehmern und appellierte eindringlich, alles zu tun, um Kriege zu verhindern. Schmidt beschrieb eindrücklich, wie noch im Greisenalter die Erlebnisse als Weltkriegssoldat den Alltag bestimmen.