Die Luftrettung kämpft mit steigenden Kosten. Krankenkassen lehnen Vergütungen zunehmend ab, kritisiert der DRF-Chef. Dabei könne ein Rettung per Helikopter oft Folgekosten für die Kassen senken.
Muss ein Patient schnell versorgt werden, hilft oft nur der Helikopter: Das weiß kaum jemand besser als Krystian Pracz. Der promovierte Physiker ist seit 2017 Chef der DRF Flugrettung, mit rund 35 000 Einsätzen pro Jahr hinter dem ADAC (49 000 Flüge) die Nummer 2 in Deutschland. Der ausgebildete Rettungssanitäter Pracz fliegt auch manchmal auf Einsätze mit. „Das ist mir sehr wichtig“, sagt er. Doch die Flugretter müssen immer öfter mit Krankenkassen über Einsatzkosten feilschen.
Herr Pracz, die DRF Luftrettung macht pro Jahr über 35 000 Rettungsflüge, etwa 6600 davon in Bayern. Was kostet die Rettung eines Patienten per Hubschrauber?
Im Schnitt kostet ein Flug rund 125 Euro je Minute, je nachdem, wie groß das Flugaufkommen an den jeweiligen Stationen ist. Rechnet man mit 15 bis 20 Flugminuten pro Einsatz, kommt man so auf 2000 bis 3000 Euro je Flug. Wir retten übrigens nicht nur, wir verlegen per Helikopter zum Beispiel auch Patienten zwischen Intensivstationen und Krankenhäusern.
Ganz schön viel Geld. Der Einsatz eines Krankenwagens kostet zwischen 200 und 2000 Euro – je nachdem, ob man zusätzlich einen Notarzt braucht.
Allein die Kosten für einen Einsatz zu betrachten, greift aber zu kurz. Unsere Hubschrauber kommen im besten Fall nur dann, wenn sie auch wirklich benötigt werden. Wir versorgen Patienten schneller, weil wir meist deutlich schneller am Einsatzort sind als ein Krankenwagen. Darüber hinaus ist der Notarzt bei uns immer an Bord. Eine schnellere Rettung per Helikopter kann im Ernstfall den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen und das Risiko von Langzeitschäden mindern. Vielfach sparen sich die Krankenkassen deshalb sogar Geld, wenn wir kommen.
Eine schnelle Rettung per Helikopter kann Langzeitschäden verhindern. Vielfach sparen sich die Kassen deshalb Geld.
Wirklich?
Ja, weil eine schnellere Rettung oft Folgekosten senkt. Nur ein Beispiel: Aktuell führen wir an einigen Stationen eine Studie durch, bei der wir mithilfe eines Tests schon am Unfallort erkennen, ob ein Patient einen Hirnschlag durch ein verschlossenes Blutgefäß oder eine Hirnblutung aufgrund eines geplatzten Gefäßes hat – beides behandelt man völlig unterschiedlich. Wir können das differenzieren und fliegen den Patienten sofort in die passende Klinik, während der Rettungswagen in der Regel das nächste Krankenhaus ansteuert – egal, auf was es spezialisiert ist. Muss der Patient deshalb nur einen Tag länger auf der Intensivstation bleiben, wäre eine Helikopterrettung schon gleich teuer gewesen, eine Woche mehr im Krankenhaus kostet sogar ein Vielfaches. Von den Kosten für eine Reha will ich gar nicht sprechen.
Die Krankenkassen müssen sparen, ihr Spitzenverband hat gerade ein 50-Milliarden-Sparpaket angekündigt. Spüren Sie das auch bei der Luftrettung?
Ja, das spüren wir. Wir müssen jedes Jahr aufs Neue mit den Krankenkassen in Verhandlungen gehen, und es wird immer schwerer. Dabei müssen auch wir steigende Kosten ausgleichen, etwa für Kerosin, Gehälter, neue Fluggeräte. Es passiert leider immer öfter, dass aus Sicht der Kassen einzelne Kostenpositionen zu hoch sind und eine Vergütung abgelehnt wird. Dabei sind wir auf eine solide Finanzierung angewiesen.
Die Finanzierung passt aus Ihrer Sicht nicht?
Es gibt zumindest viel Verbesserungspotenzial, das Finanzierungskonstrukt ist sehr kompliziert. Die Hubschrauberstationen werden zwar von Trägern wie dem Freistaat bestellt, bei deren Aufbau und der Indienststellung unserer Maschinen gehen wir aber häufig finanziell in Vorleistung. Unsere Kosten rechnen wir später über die Flugminuten ab. Es passiert aber immer wieder, dass wir etwa bei Unfällen drei Stunden auf einer Autobahn im Einsatz sind, während ein Patient aus dem Auto geborgen wird. Bezahlt bekommen wir dann nur die reine Flugzeit, also ein paar Minuten zum Unfallort, ein paar Minuten ins Krankenhaus und ein paar Minuten zurück zur Station. Es wäre sinnvoller, wenn wir eine Bereitstellungspauschale für die Station, das Personal und den Hubschrauber bekommen – wie bei den Krankenhäusern, die ab 2027 einen Teil ihrer Kosten für die Vorhaltung ihrer Kapazitäten erstattet bekommen sollen. Für den Einsatz selbst wäre dann nur noch eine kleinere variable Vergütung nötig. Das würde unsere Arbeit erleichtern.
Es passiert immer öfter, dass aus der Sicht der Kassen Kostenpositionen zu hoch sind und eine Vergütung abgelehnt wird.
Und Ihren Gewinn steigern, oder?
Wir sind ein gemeinnütziges Unternehmen. Das heißt: Wir schütten keine Erträge an Anteilseigner aus. Aber wir müssen nachhaltig wirtschaften, weil wir Mittel benötigen, um in die Zukunft investieren zu können. Unser Ziel ist es die Luftrettung besser und Zukunftssicher für die Menschen in Not zu machen.
Wird es in Zukunft denn mehr Rettungen per Helikopter geben?
Davon gehe ich aus, denn die medizinische Versorgung dünnt seit Jahren aus. Gerade auf dem Land gibt es nachts nur wenige Notärzte und Einsatzkräfte, in Deutschland versorgen zudem immer weniger Krankenhäuser immer mehr Patientenfälle. Gleichzeitig soll sich die Klinik spezialisieren. Das bedeutet weitere Wege vom Unfallort in die Klinik und mehr Verlegungen schwieriger Fälle. Der Helikopter ist da das Mittel der Wahl. Neue Hubschrauber kosten aber rund zehn Millionen Euro, dazu brauchen wir Piloten, gut ausgebildetes medizinisches Personal, also Notärzte und Notfallsanitäter, und eine hochmoderne Ausstattung.
Arbeiten Sie auch an neuen Techniken?
Ja. Seit 2022 nutzen wir zum Beispiel ein System, mit dem wir erste Analysen und Vitaldaten der Patienten aus dem Helikopter direkt in den Schockraum übermitteln können. Die Ärzte vor Ort wissen dann sofort, in welchem Zustand ein Patient ankommt und was ihm fehlt. Auch das entwickeln wir auf eigene Kosten, und es ist immer ein sehr langer Prozess, bis die Krankenkassen solche Leistungen vergüten.
Wir haben immer weitere Wege vom Unfallort in die Klinik und mehr Verlegungen schwieriger Fälle. Der Helikopter ist da das Mittel der Wahl.
Aus welchem Grund werden Sie am häufigsten gerufen?
Einer von fünf Einsätzen ist eine Verlegung, vier von fünf sind Rettungen. Die häufigsten Verdachtsdiagnosen sind Herz- und Kreislauferkrankungen, Schlaganfälle, Hirnblutungen, Verkehrsunfälle und Sturzverletzungen. Also im Grunde alles, wo jede Sekunde zählt. Auch wenn es um Kinder geht, werden wir häufig gerufen.
Werden Sie oft umsonst angefordert?
Das passiert immer wieder. Wenn beim Notruf bestimmte Indikationen vorliegen, muss der Disponent den Notarzt und damit eben auch den Helikopter losschicken – auch wenn er die Wahrscheinlichkeit hoch einschätzt, dass der Fall nicht akut ist. Dann ist der Helikopter nicht mehr verfügbar, wenn kurz danach ein wirklich schwerer Fall kommt. Das ist ärgerlich.
Lässt sich das vermeiden?
Mehr Entscheidungsfreiheit für Disponenten wäre manchmal wünschenswert, auch mit Stimmdiagnosen per Künstlicher Intelligenz und Videoanrufen von Notärzten könnte man besser klären, ob man wirklich einen Hubschrauber braucht. Da tut sich im Moment auch viel. Ganz vermeiden lassen sich Fehlalarme aber nicht. Und: Lieber ab und zu umsonst fliegen, als nur ein einziges Mal einen Hubschrauber nicht schicken, obwohl ein Patient ihn dringend gebraucht hätte.