Ein Dachauer Bordellbetreiber, zwei seiner Schützlinge, drei Freier und ein Jurist, der Sexarbeiterinnen beisteht, haben bei einem Pressegespräch gegen das Sexkauf-Verbot mobil gemacht, das die CDU/CSU-Bundestagsfraktion 2024 lanciert hatte. Vor allem auf eine Person schoss sich die Gruppe ein: Dorothee Bär, die sie als die „Speerspitze“ des Antrags der Unionsparteien ausgemacht haben.
Dachau – Die Unionsparteien behaupten, die bisherigen Regelungen im Strafrecht, Prostituiertenschutzgesetz und Prostitutionsgesetz würden zu selten angewandt, würden größtenteils ins Leere laufen oder seien gar gescheitert. Der Vorschlag von CDU und CSU umfasst nicht weniger als 16 Punkte. „Zentrale Säulen“ sind der Ausbau von Präventions- und Ausstiegsangeboten, die Einführung einer Strafbarkeit für den Kauf sexueller Dienstleistungen sowie die „Stärkung der Durchsetzungsautorität der Verwaltungs- und Vollzugsorgane“. Als Vorlage dient den Unionsparteien das „Nordische Modell“. Dieses wiederum sieht ein generelles Sexkauf-Verbot vor und bestraft Freier, während Prostituierte entkriminalisiert werden. Es wurde 1999 in Schweden eingeführt und gilt inzwischen in mehreren Ländern, darunter Norwegen, Island oder Frankreich.
Der Bundestag hat die Vorlage im Februar 2024 erstmals diskutiert und anschließend zur weiteren Beratung an die Ausschüsse überwiesen. Die Federführung liegt beim Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Eine Verfechterin des Sexkauf-Verbots ist die stellvertretende CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Dorothee Bär. Nach ihrer Schätzung gibt es in Deutschland 250 000 Sexarbeiterinnen. Eine Zahl, die sich freilich nicht belegen lässt. In zahlreichen Medien hatte immer wieder dargelegt, warum es den Antrag braucht. Seit zwei Jahren habe sie sich „in sehr vielen Etablissements gezeigt und mir das angeschaut“, sagte Bär etwa in der Sendung Stern TV. Sie sprach von „über 90 Prozent, die sind gefangen, die sind in der Zwangsprostitution“. In Berlin auf der Kurfürstenstraße bekämen Freier „für 5 Euro alles und immer ohne Kondom“.
Die Pressekonferenz im Dachauer Hotel Modi wurde initiiert von der Initiative für geschützte Sexarbeit (IGS). An deren Spitze steht Uwe Ittner (64). Der Österreicher war 28 Jahre lang Polizist. Doch dann stieg er aus. Seit 2004 betreibt er den Salon Patrice im Gewerbegebiet Dachau-Ost. Der Antrag von CDU/CSU bedeutet „de facto ein Verbot des Gewerbes“. Aussagen Bärs, dass 90 Prozent der Prostituierten gezwungen würden, seien „an Lächerlichkeit nicht zu überbieten“ und „kompletter Populismus“. Das Sexkauf-Verbot treibe die Prostituierten „in die Hände der organisierten Kriminalität“.
„Gegen menschenunwürdige Zustände“, so Ittner weiter, „wehre ich mich auch, und gegen Missstände muss man vorgehen“. In seinem Salon Patrice werde niemand zur Sexarbeit gezwungen. Es gebe das Prinzip der „zeitabhängigen Zimmermiete“. Seine Damen verlangten 150 Euro die Stunde. Er nehme eine 40-Euro-Pauschale. Darin enthalten seien etwa Schutz, Sauberkeit der Zimmer oder Kondome. So wie in seinem Etablissement würden auch in den restlichen 2300 registrierten und konzessionierten Prostitutionsstätten Deutschlands das Prinzip der „Freiwilligkeit und Selbstständigkeit“ vorherrschen. Auch für Sexarbeiterinnen herrsche Berufsfreiheit, so Ittner, auch für die gelte das Grundrecht der Selbstbestimmung.
Ich mache das für meine Familie.
Beim Termin waren Eva und Loredana (Namen geändert) dabei. Die beiden Rumäninnen arbeiten im Salon Partice. Und Eva bestätigt: „Ich mache das freiwillig!“ Sie zahle ihre Steuern und habe keinen Zuhälter. „Ich mache das für meine Familie“, so die Mutter zweier erwachsener Kinder, die auf Empfehlung einer Freundin den Job in Dachau annahm und seit zehn Jahren in Deutschland ist. Ebenfalls schlicht und ergreifend wegen des Geldes kam Loredana in die Bundesrepublik, nachdem sie sich übers Internet informiert hatte, wie sie sagt. Seit sechs Jahren ist sie hier, seit 2024 im Salon Patrice. Sie gibt zu: „Es gibt Arbeit in Rumänien, aber man bekommt zu wenig Geld.“
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Mit am Tisch im Hotel Modi saßen auch drei Kunden des Salon Patrice. Einer von ihnen, Franz (75), geht seit den 70er-Jahren zu Prostituierten. „Früher war das reine Abzocke“, meinte er, doch das habe sich heute hinreichend geändert. „Es geht nicht nur um reinen Sex, sondern oft um einfache Zärtlichkeiten, viele wollen einfach nur reden, sich wohlfühlen“, ergänzt Maik (35), ein zweiter Kunde. Der Mann ist vor einigen Monaten Vater geworden. Seine Frau akzeptiert, dass er den Salon Patrice besucht. „Wir hatten früher ein schönes Sexleben“, sagte sie beim Pressetermin, „doch nach der Geburt unseres Kindes war ich dafür nicht mehr zu haben“.